Dicke und Dünne haben schlechte Chancen

HAMBURG – Die Mortalität nach Polytrauma ist sowohl bei adipösen als auch bei untergewichtigen Patienten erhöht. Die Verletzungsmuster unterscheiden sich aber.

Immer mehr Menschen sind übergewichtig oder adipös, und das spiegelt sich auch zunehmend im Kollektiv polytraumatisierter Patienten wider, schreiben Dr. MICHAEL HOFFMANN und Mitarbeiter von der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf im „Unfallchirurg".

Bei vergleichbarem Unfallmechanismus resultieren unterschiedliche Verletzungsmuster - je nachdem, ob das Opfer gut oder wenig „gepolstert" ist. Einige Studien ergaben, dass adipöse Menschen häufiger Beckenbrüche und Frakturen an den unteren Extremitäten erleiden. Und je höher der BMI, umso schwerer das Trauma. Andere Untersuchungen konnten diese Trends nicht bestätigen.

Bei einem BMI von 30 oder mehr ist gehäuft mit Thoraxverletzungen zu rechnen. Einen Vorteil haben Adipöse aber: Sie erleiden weniger intraabdominelle Verletzungen, weil ihr „vergrößerter Weichteil-mantel" die Bauchorgane schützt. Im Gegensatz dazu weisen dünne Patienten mit einem BMI <=20 ein signifikant vermehrtes Auftreten abdomineller Verletzungen auf, berichten die Hamburger Kollegen. Anders als adipöse Patienten zeigen untergewichtige eine erhöhte frühe Polytraumasterblichkeit. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar.

Mehr Sepsis bei Adipösen

Ernährungszustand und körperliche Konstitution beeinflussen das Management Polytraumatisierter, und das macht sich häufig schon am Unfallort bemerkbar. Die Bergung adipöser Menschen ist oft schwieriger und kann verlängerte Rettungszeiten bedingen. Viele Dicke lassen sich nicht so leicht intubieren, und oft verzögert sich die notwendige Volumentherapie, weil es dauert, bis der venöse Zugang liegt.

Patienten mit Adipositas oder Übergewicht weisen häufiger Begleiterkrankungen wie Hochdruck, KHK, Diabetes oder COPD auf. Dies führt zu verlängerten Krankenhausaufenthalten und zu höheren Komplikationsraten im Rahmen der Traumabehandlung. Polytraumatisierte Adipöse entwickeln häufiger Infektionen oder eine Sepsis und als Folge ein Multiorganversagen. Dementsprechend ist die späte Polytraumasterblichkeit bei adipösen Unfallopfern erhöht.

Michael Hoffmann et al., Unfallchirurg 2011; 114: 968-972