Ob nach einer schwerwiegenden Belastung reaktive Erkrankungen wie Angststörungen und Depressionen entstehen, ist von vielen Faktoren abhängig. Abgesehen von der Art und Schwere der Belastung selbst spielen auch die Ereignisse nach der Belastung, die Reaktionen des Umfelds, eine oft unterschätzte Rolle. Univ.-Prof. Dr. Thomas Wenzel von der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie an der MedUni Wien brachte am Symposium „Folgen von Stress, Trauma und Belastungen“ das Beispiel einer jungen Frau, die nachts auf der Straße überfallen und sexuell angegriffen wurde. Kommt sie nach dem Ereignis nach Hause, so wird sie stark verwirrt und belastet, jedoch noch nicht vom Zustand eines Traumas betroffen sein.

 

Es macht jetzt einen großen Unterschied, ob die Mutter sagt: „Gott sei Dank, dass du dem Täter entkommen konntest, du hast das gut gemacht. Das nächste Mal müssen wir besser aufpassen“ oder ob sie ausdrückt: „Du bist ja verrückt, allein im Dunkeln auf die Straße zu gehen!“ Letzteres wäre ein „negativer Social Support“, der unvorteilhaft ist und zur Entstehung eines Traumas mitbeitragen kann. Auch wie das System als Ganzes, die Gesellschaft, reagiert, ist von Bedeutung. „Ein EU-Rahmenbeschluss, der Mindeststandards für den Schutz von Opfern von Verbrechen vorsieht, war in diesem Zusammenhang einschneidend. Die Würde der Opfer, die ja oft gleichzeitig Zeugen sind, muss respektiert werden“, betonte Prof. Wenzel.

„Ärzte sollten ihre Patienten darauf hinweisen, dass sie beim Bundessozialamt u.a. um Prozessbegleitung ansuchen können.“1,2 Neben der einfühlsamen und fachgerechten medizinischen Versorgung gilt es für Ärzte, die Verletzungen und Beschwerden gerichtstauglich zu dokumentieren und Spuren zu sichern. Wertvolle Unterstützung dabei bietet ein wichtiges, aber nicht ausreichend bekanntes, Handbuch der Vereinten Nationen, das „Istanbul-Protokoll“.3

Traumatisierendes Umfeld

Für Ärzte ebenfalls wichtig zu wissen: Die Erklärungsmodelle für Krankheiten sind kulturell sehr unterschiedlich und prägen dementsprechend die ärztliche Interaktion mit Betroffenen. So haben z.B. Patienten aus Schwarzafrika oft Verhexungs- und Verzauberungsideen. Prof. Wenzel: „Im Zuge von Feldstudien im Kosovo merkten wir, dass auch dort die Leute nicht glauben, dass sie belastungsabhängige Symptome wegen des Krieges haben, sondern weil sie von den Nachbarn verhext wurden …“

Bedacht muss auch werden, dass von Menschen aus anderen Kulturkreisen oft die jeweilige traditionelle Medizin zusätzlich zur ärztlich verordneten Therapie angewandt wird: „Hier muss man also besonders aufpassen, dass es zu keinen Interaktionen kommt!“ Wichtig wäre, dass Traumatisierte keinen Kontakt mehr zum traumatisierenden Umfeld haben, dass eine positive Umgebung für sie geschaffen wird, die ihnen Klarheit gibt und ihre Würde respektiert. Andernfalls kommt es zu Retraumatisierungen.

Speziell bei Flüchtlingen ist zu bedenken, dass sie oft schon ihre erlittenen psychischen und physischen Traumen mitbringen. Die Ablehnung durch das Gast- bzw. Aufnahmeland und undurchschaubare Bürokratie fördern solche Retraumatisierungen ebenso wie die ständig im Raum stehende Gefahr, dass sie wieder abgeschoben werden könnten. Experten und Hilfsorganisationen fordern daher u.a. eine bessere Ausbildung für Personen, die mit den Asylwerbern zu tun haben.

Klarheit und Würde

Als Voraussetzungen für die allgemeinärztliche Betreuung von Gewalt und Folter betroffenen Patienten nannte Univ.-Lektor Dr. Hans-Joachim Fuchs4, Allgemeinmediziner in Wien, abgesehen von gut entwickelten ärztlichen Kenntnissen und Fähigkeiten: Interesse, Empathie, Loyalität, Neutralität sowie ein Setting, das für offene Gespräche geeignet ist. „Schon die Körperhaltung, Mimik und verbale Äußerungen des Patienten rufen im Arzt eine Kaskade von Krankheitshypothesen auf “, erklärt er. Psychosomatische Explorationsgespräche, klinisch-physikalische Krankenuntersuchungen sowie fachärztliche und apparative Diagnostik: All das diene schließlich der Abklärung der ärztlichen Krankheitshypothesen.

Kann z.B. eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegen? Gibt es körperliche Verletzungsfolgen? Von besonderer Bedeutung sei das Networking – führt der engagierte Kollege weiter aus: „Bei Flüchtlingen z.B. arbeiten wir praktischen Ärzte mit Psychiatern und anderen Fachärzten, Juristen, Psychologen/Psychotherapeuten, Vertretern sozialer Berufe, … zusammen und übernehmen das Case-Management.“ Ärztliche Gutachten seien für die Betroffenen wichtig: „Die Kollegenschaft sollte sich bewusst sein, dass diese einer sehr strengen Wahrheitspflicht unterliegen. Dafür werden sie erfahrungsgemäß aber auch sehr ernst genommen, z.B. von Juristen!“

Auswege suchen

Ob Unfall, Naturkatastrophe, Gewalt oder Krankheit: Fast alle Menschen, die ein traumatisches Ereignis erlebt haben, zeigen eine starke akute Belastungsreaktion. Wird darauf rasch reagiert, so hilft das oftmals, Spätfolgen wie eine spätere Posttraumatische Belastungsstörung zu verhindern. Prof. Wenzel: „Betroffenen kann man als Arzt vermitteln, dass die Erinnerungen, die sie quälen, wie Flashbacks und Albträume, ein normaler Schutzmechanismus nach traumatischen Erfahrungen sind.

Wenn man ihnen diese Kampf-Flucht-Reaktion, die Hyperaktivierung, gut erklärt, so trägt das oft schon zu einer gewissen Entspannung bei.“ Bleiben jedoch noch mehrere Monate nach dem Trauma verschiedene Symptome der akuten Belastungsreaktion bestehen oder kommen neue hinzu, so ist eine Behandlung mittels Psychotherapie indiziert. Unterstützend ist meist eine medikamentöse Therapie sinnvoll. Unbehandelt hingegen nehmen belastungsabhängige psychische Erkrankungen oftmals über viele Jahre einen chronischen Verlauf.

Symposium „Folgen von Stress, Trauma und Belastungen – das Spektrum der belastungsabhängigen Erfahrungen“ der World Psychiatric Association Section und des Zentrums für Public Health, Abteilung für Allgemein- und Familienmedizin; MedUni Wien, Jänner 2014

Belastungsabhängige psychische Erkrankungen

(Komorbiditäten sind häufig)

  • akute Belastungsreaktionen, Anpassungsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen
  • affektive Störungen: Depressionen
  • Angststörungen
  • dissoziative Störungen, Konversion
  • somatoforme Störungen
  • Persönlichkeitsveränderungen

 

1Leistungen des Bundessozialamts nach dem Verbrechensopfergesetz: http://www.bundessozialamt.gv.at/basb/Renten_&_Entschaedigungen/Verbrechensopfer

2Bundesministerium für Justiz: Prozessbegleitung – Opfer von Straftaten haben ein Recht auf Beistand: http://www.bmi.gv.at/cms/BK/praevention_neu/opferhilfe/files/BMJ_Prozessbegleitung_Folder.pdf

3Istanbul-Protokoll: http://www.istanbulprotocol.info/index.php/de/short-summary

4MR Dr. Hans Joachim Fuchs: Dokumentation von Folter und Gewalt – die Rolle des praktischen Arztes (Folien): http://www.familienmedizin.net/files/FolterundGewalt.pdf

Quelle: Medical Tribune - Online 11.2.2104