Das deutsche Forum Aktionsbündnis Patientensicherheit hatte im Zuge einer Metaanalyse bereits vor einigen Jahren ermittelt, dass jährlich etwa 17.000 Patienten in Deutschland nach Behandlungsfehlern im Krankenhaus sterben. Der aktuelle „Krankenhaus-Report 2014 Schwerpunkt Patientensicherheit" des AOK-Bundesverbandes griff diese Zahlen nun wieder auf und löste damit böse Kommentare und polemische Anfeindungen der vermeintlich „Kritisierten" aus, vor allem seitens der Deutschen Krankenhausgesellschaft, erzählte Prof. Dr. Matthias Schrappe im Rahmen einer Veranstaltung in Wien. Schrappe gilt im deutschsprachigen Raum als „Qualitätsmanager der ersten Stunde" im Klinikbereich. Er leitete zwei Universitätskliniken und war über viele Jahre Vorsitzender des Forums Aktionsbündnis Patientensicherheit.

Was er in 15 Jahren Auseinanderset-zung mit dem Thema Patientensicherheit gelernt habe, sagt der Qualitätsexperte Schrappe, sei vor allem eines: „Wir müssen auch über die Dinge reden, die wir nicht für möglich halten." Um das tun zu können, brauche es aber einerseits ein gesundes Maß an Selbstkritik - „Haben wir Ärzte die Fähigkeit dazu verloren?" - und andererseits eine Knowledge Base, also wissenschaftlich gesichertes Datenmaterial. Nur auf dieser Basis könne man bei so kontroversiellen Themen in der unvermeidlichen öffentlichen Diskussion bestehen oder sogar selbst Weichen stellen, um die Situation nachhaltig zu verbessern.
Um eine solche Knowledge Base, also eine Wissensdatenbank im Bereich Patientensicherheit im Krankenhaus zu erarbeiten, führte das Aktionsbündnis Patientensicherheit eine Metaanalyse
Von wissenschaftlichen Medien zum Thema „unerwünschte Ereignisse im Krankenhaus" aus 31 Ländern durch. Mehr als 30 Millionen Patienten waren in diese Untersuchungen eingeschlossen.
Aufgrund des analysierten Materials erstellten die Wissenschaftler eine Hochrechnung für Deutschland, die im Wesentlichen zu folgendem Ergebnis kam: Bei fünf bis zehn Prozent aller Patienten kommt es im Zuge ihres Krankenhausaufenthalts zu unerwünschten Ereignissen, bei zwei bis vier Prozent wären diese vermeidbar. Bei einem Prozent liegen medizinische Behandlungsfehler vor. „Das heißt", präzisiert Schrappe, „ein Drittel aller unerwünschten Ereignisse ist vermeidbar." 0,1 Prozent - ein Zehntel - aller Krankenhauspatienten sterben aufgrund vermeidbarer Fehler. Bei 17 Millionen therapierten Kranken-hauspatienten entspricht dies 17.000 Todesfällen. Ein bemerkenswertes Ergebnisdetail: Das Risiko einen Schaden zu erleiden, ist geschlechts-abhängig, bei Frauen größer als bei Männern.
Für Österreich stehen keine eigenen Studien zur Verfügung. Ähnliche Prozentsätze wie in Deutschland scheinen laut Experten aber durchaus plausibel zu sein. Mit einer Um-rechnungsquote von eins zu zehn liegt man im Ländervergleich für gewöhnlich nicht ganz falsch.
Aus Fehlern lernen
Auf die Frage, ob die genannten Zahlen für Deutschland noch Gültigkeit und Aktualität hätten, da sie doch schon einige Jahre zurückliegen würden, antwortet Schrappe: „Wenn man sich jüngere Studien ansieht, wird man feststellen, dass es seither höchstens noch ein bisschen schlimmer geworden ist. Die Tendenz ist eindeutig, die Zahlen gehen nach oben." Zudem sei die Untersuchung sehr konservativ er-stellt worden, die „0,1 Prozent Mor-talitätsrate ist sicher eher unter- als überschätzt. Aus heutiger Sicht ist sie in Wahrheit wohl eher dreimal so hoch." Die Deutsche Krankenhausgesellschaft wies allerdings auch diese konservative Schätzung, wie sie im Krankenhausreport publiziert wurde, als „unseriös" zurück und sprach von einer „wissenschaftlichen Falschangabe". Insgesamt zeigen sich durchaus Fortschritte, die im Bereich der Patientensicherheit in den vergangenen 15 Jahren erreicht werden konnten. Vor allem sei es gelungen, eine gewisse Sensibilisierung innerhalb der Ärzteschaft und der Krankenhausbetreiber zu erreichen. Langfristig müsse sich jedenfalls der Grundsatz durchsetzen: „Fehler sind menschlich, sie zu wiederholen nicht."
Letztendlich dienten solche aus-führlichen Analysen aber einem ein-zigen Zweck, meint Schrappe, nämlich um damit die Freiheit zu bekommen, Präventionsmaßnahmen umsetzen zu können. Dies wäre eben nur auf Basis einer gesicherten Bestandsanalyse mög-lich.
Das Präventivziel muss sein, eine ähnliche Entwicklung wie im Straßenverkehr voranzubringen, wo es gelungen sei, die Todesfälle um 80 Prozent zu reduzieren. In der Aus-gangssituation liege man da ja gar nicht so weit auseinander, sieht Schrappe eine weitere Parallele.
Patienten aktivieren
Als eines der wirksamsten Prinzi-pien in der Fehlervermeidung sieht Schrappe die Aktivierung der Patienten: „Sie sollen dazu ermutigt werden sich zu melden, wenn, „Was komisch oder unrichtig“ vorkommt, sie sollen motiviert werden, ihre eigenen Beobachtungen aktiv in den Klinikprozess einzubringen." Das wäre zwar gewiss nicht einfach für die ärztliche Berufsgruppe, weil es ein Umdenken erfordert, letztlich aber für alle Beteiligten eine Unterstützung. Man müsse dabei nur darauf achten, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten,
warnt Schrappe abschließend. Die Ge-fahr würde nämlich durchaus bestehen,
Verantwortung auf die Patienten abzu-schieben.
Neben ärztlicher Sensibilisierung und Patienten-Empowerment braucht es nach Meinung von Schrapp außerdem eine möglichst große Transparenz und die konsequente Standardisierung von Abläufen, in der medizinischen Behand-lung ebenso wie im Krankenhaus-management, um die Patientensicherheit nachhaltig zu verbessern.
„Save Lives, Clean Your Hands"
Am häufigsten treten Todesfälle infolge vermeidbarer unerwünschter Ereignisse im Krankenhaus auf. Ca. 80.000 Patienten erleiden „Health-care-associated infections" (HAI). Das sind hochgerechnet 3,2 Millionen Patienten pro Jahr oder jeder 18. Patient. Die Folgekosten beziffert das ECDC mit sieben Milliarden Euro. Die höchsten Raten verzeichnen Portugal, Island und Dänemark, die geringsten Raten Litauen, Rumänien und Lettland. Das hätte allerdings nicht unbedingt mit den jeweiligen Sicherheits- und Hygienestandards in diesen Ländern zu tun, sondern eher mit der Definition und Feststellbarkeit solcher Infektionen, relativiert Prof. Dr. Elisabeth Prester, Leiterin der Universitätsklinik für Krankenhaushygiene und Infektionskontrolle am AKH Wien. Österreich liegt laut der ECDC-Studie mit einer Rate von 6,2 Prozent im Mittelfeld.
In den überwiegenden Fällen kommt es dabei zu Atemwegsinfek-tionen, postoperativen Wund- oder Harnwegsinfektionen. Der wirkungs-vollste Schurz gegen HAI sei nach wie vor eine akkurate Krankenhaushygiene, ist Prester über-zeugt: „Was hilft, wenn keine Antibiotika mehr helfen? Hygiene - in Strukturen, Wissen und Verhalten." Die einfachste und effizienteste Maßnahme zur Beseitigung und Ver-hütung von mikrobieller Kontamination sei die Händehygiene, die allerdings immer noch vielerorts unterschätzt würde.
Dabei definierte die Weltgesund-heitsorganisation bereits 2005 Hand-hygiene als eines von fünf vorrangi-gen Zielen in ihrer weltweiten Kam-pagne für mehr Patientensicherheit. Seither wurde eine ganze Reihe nati-onaler Händehygienekampagnen entwickelt und durchgeführt. Offen-bar mit überschaubarem Erfolg. Am 5. Mai 2014 wird jedenfalls weltweit der WHO-Tag der Händehygiene un-ter dem Motto „Save Lives, Clean Your Hands" begangen.