Die Beurteilung, ob es sich bei einem Todesfall um einen natürlichen oder einen nicht-natürlichen Tod handelt, fällt Ärzten bei der Leichenschau je nach Situation nicht immer leicht. Gleichwohl besteht bei einer Fehl­beurteilung die Gefahr, ein Tötungsdelikt zu übersehen. Erfahren Sie hier anhand von zwei Fallbeispielen, welche Fehler Ärzten bei der Leichenschau unterlaufen können und wie Sie die richtige Todesart bescheinigen.

Der Beitrag basiert auf einer Publikation von Dr. med. Sabine Gleich, veröffentlicht in "MMW Fortschritte der Medizin 2016.11/158". Dr. Cindy Hempp, coliquio-Redaktion, hat einige der wichtigsten Punkte an zwei Beispielen für Sie zusammengefasst.
 

Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich 2400 Tötungsdelikte aufgrund unzureichend durchgeführter Leichenschauen nicht erkannt. Zudem können sich erbrechtliche Konsequenzen für die Hinterbliebenen bei einer Fehlbeurteilung durch den leichenschauenden Arzt ergeben. Daher werden Verstöße gegen die geltenden Vorgaben als Ordnungswidrigkeiten mit Geldbußen bis zu 1000 € geahndet. Lesen Sie im Folgenden zwei Todesfälle ohne Fremdeinwirkung – Welche Todesart hätten Sie angegeben?

2 Fallbeispiele: Tod ohne Fremdeinwirkung - natürlich oder nicht?

    • Fall 1: Stolpersturz
      Nach einem Stolpersturz auf der Straße wurde bei einem 86-jährigen Patienten in der Klinik eine Schenkelhalsfraktur diagnostiziert. Diese wurde mit einer Hüft-TEP versorgt. Nachdem sich der Patient selbst aus der Klinik entlassen hatte, kommt es zu einer Infektion des Implantates. Dieses wird dreieinhalb Monate später in einer anderen Klinik entfernt, woraufhin sich der Zustand des Patienten zunächst bessert, er aber dann an einem septischen Schock stirbt.
 
  • Fall 2: Bolusaspiration
    Beim Essen aspiriert ein 82-jähriger Altersheimbewohner ein Stück Leberkäse. Er wird dadurch reanimationspflichtig und verstirbt nach einer verlängerten pulmonalen Reanimation (CPR) schließlich im Krankenhaus an einem hypoxischen Hirnschaden.

Welche Todesart hätte in den Beispielen vermerkt werden müssen?

In beiden Beispielen aus dem Jahr 2015 handelt es sich um Fälle, in denen die Gesundheitsbehörde Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen den leichenschauenden Arzt eingeleitet hatte. In beiden Fällen dokumentierten die Ärzte einen natürlichen Tod, obwohl ihnen in beiden Fällen die Ereignisse vor dem Tod des Patienten bekannt waren.

    • Fall 1: Stolpersturz
      Hier gab der leichenschauenden Arzt den Srolpersturz in der Todesbescheinigung korrekt als Anhalt für einen nicht-natürlichen Tod an. Als unmittelbare Todesursache hielt er eine kardiopulmonale Insuffizienz bei septischem Schock infolge eines Hüft-TEP-Infektes fest und bescheinigte daraufhin einen natürlichen Tod. Da aber das Sturzereignis, also ein äußerer Einfluss der Auslöser der Ereigniskette war, hätte der Arzt einen nicht-natürlichen Tod bescheinigen müssen. Dabei ist es unerheblich, ob das auslösende Ereignis Sturz schon länger zurückliegt und auch ob es durch Fremdeinwirkung herbeigeführt wurde.
 
  • Fall 2: Bolusaspiration
    In diesem Fall gab der leichenschauende Arzt als Todesursache einen hypoxischen Hirnschaden nach Bolusaspiration an und bescheinigte einen natürlichen Tod. Generell gilt aber, dass bei einer Bolusaspiration ein Hinweis auf einen nicht-natürlichen Tod vorliegt. Es sei denn, der Patienten hatte eine neurologische Grunderkrankung, wie zum Beispiel eine amyotrophe Lateralsklerose (ALS), die als Ursache für die Bolusaspiration gesehen werden kann.

Natürlicher oder nicht-natürlicher Tod: 3 wichtige Kriterien

Zur Abgrenzung zwischen einem natürlichen und einem nicht-natürlichen Tod ist eine sorgfältige Durchführung der Leichenschau und eine sorgfältige Anamnese bei den Angehörigen erforderlich. Außerdem müssen Vorbefunde in die Beurteilung einbezogen werden.

    • Einen natürlichen Tod dürfen Sie nur dann bescheinigen, wenn das Versterben eines Patienten hinreichend wahrscheinlich war. Zum Beispiel dann, wenn sich der Patient wegen einer ausgeprägten bestehenden Erkrankung bereits in ärztlicher Behandlung befand.
 
  • Einen nicht-natürlichen Tod müssen Sie bescheinigen, wenn ein äußeres Ereignis todesursächlich war. Also immer dann, wenn Sie die Frage: „Wäre der Patient auch ohne dieses Ereignis (Sturz, Ertrinken, etc.) verstorben?“ mit „Nein“ beantworten, handelt es sich um einen nicht-natürlichen Tod. In diesem Fall müssen Sie immer die Polizei verständigen, die die Frage der Fremdeinwirkung anschließend klärt.
     
  • Eine ungeklärte Todesursache sollten Sie dann bescheinigen, wenn Sie keinen natürlichen Tod bescheinigen können, aber auch keine Hinweise auf einen nicht-natürlichen Tod vorliegen. Auch in diesem Fall muss die Polizei verständigt werden. Beispiele sind plötzlichen Todesfälle im Erwachsenen- und Kindesalter aber auch Todesfälle im Krankenhaus mit unklarer Wechselwirkung zwischen einem Eingriff (ohne Fehlerzuweisung!) und einem Grundleiden. Auch Todesfälle unter Injektionen, Infusionen und Transfusionen sollten Sie unbedingt als "unklar" klassifizieren.
 

Wie Sie eine Leichenschau richtig durchführen, lesen Sie auch in unserem Beitrag "Die Leichenschau: Darauf sollten Sie achten". Dass eine Abgrenzung zwischen einem Natürlichen und einem Nicht-Natürlichen Tod nicht immer einfach ist, spiegelt die Diskussion Ihrer Kollegen zu unserem Beitrag "Leichenschau: Tod nach Sturz immer als nicht-natürlich angeben" wider.