Pilzvergiftungen sind im klinischen Alltag zwar selten, nehmen jedoch insgesamt stetig zu. Im Frühstadium kann der hinzugerufene Notarzt rein klinisch oft nur schwer zwischen einer harmlosen und einer bedrohlichen Pilzvergiftung unterscheiden. Umso wichtiger ist eine gründliche Anamneseerhebung. Lesen Sie hier in einer Zusammenfassung von coliquio-Redakteurin Dr. Nina Mörsch, wie Sie den Schweregrad einer Pilzvergiftung abschätzen und welche Primärmaßnahmen zu ergreifen sind.

Vor allem Flüchtlinge scheinen derzeit von Pilzvergiftungen besonders oft betroffen: So sieht einem beliebten Pilz im Mittelmeerraum der hierzulande heimische, jedoch hochgiftige Knollenblätterpilz zum Verwechseln ähnlich. Doch auch bei erfahrenen Pilzsammlern kommt es immer wieder zu Verwechslungen. Experten gehen von 5.000 bis 10.000 Pilzvergiftungen jährlich in Deutschland aus.1

Über genießbare, unverträgliche und giftige Pilze mit Fotos informiert die kostenlose Broschüre „Risiko Pilze“ des Bundesinstituts für Risikobewertung.

Vergiftung oder „nur“ Unverträglichkeit?

Um eine potenziell lebensgefährliche Pilzvergiftung von einem harmlosen Pilzunverträglichkeitssyndrom oder einem gastrointestinalen Pilzsyndrom zu unterscheiden, gilt als wichtigstes Kriterium die Latenzzeit zwischen Verzehr der Mahlzeit und erstem Auftreten der Symptome.

  • Beträgt diese unter 6 h, handelt es sich meist um ein nichtlebensbedrohliches Syndrom. Vergehen mehr als 6 h nach der (ersten!) Mahlzeit, muss an lebensbedrohliche Vergiftungen wie die Knollenblätterpilzvergiftung gedacht werden.2

Ungefährlich: Pilzunverträglichkeitssyndrom & gastrointestinales Pilzsyndrom

Auf die gastroenteritischen Pilzvergiftungen mit kurzer Latenzzeit (15 min bis 6 h) entfallen ca. 80 % aller Pilzvergiftungen. Die Symptome sind selbstlimitierend.

  • Das Pilzunverträglichkeitssyndrom wird verursacht durch die Aufnahme von zu großen oder nichtadäquat durchgegarten Mengen an Speisepilzen, verdorbenen Pilzen (Kontamination mit Bakterien) oder individuellen Faktoren. Typische Symptome sind: Völlegefühl, Blähungen, Brechdurchfälle und Übelkeit.
  • Das gastrointestinale Pilzsyndrom indes wird durch Pilze verursacht, die roh und gekocht giftig sind. Innerhalb der ersten 30 min bis maximal 4 h nach der Mahlzeit entwickeln sich abdominelle Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfälle, bei schwerer Symptomatik mit relevantem Elektrolyt- und Flüssigkeitsverlust.

Therapie: Volumensubstitution und Elektrolytausgleich, Gabe von Antiemetika und gegebenenfalls Aktivkohle. Grundsätzlich sollte jede unklare Vergiftung mit einem Mischpilzgericht zur stationären Aufnahme führen: Trotz einer kurzen Latenzzeit kann eine Vergiftung mit einem amatoxinhaltigen Pilz (Knollenblätterpilz) primär nicht ausgeschlossen werden.2

Gefährliche Knollenblätterpilzvergiftung: Latenzzeit 6 h bis 14 Tage nach Ingestion

Wahrscheinlich 99 % aller tödlichen Pilzvergiftungen sind auf Intoxikationen mit amatoxinhaltigen Pilzen zurückzuführen. Einer der wichtigsten Vertreter ist der grüne Knollenblätterpilz. Der typische Verlauf gestaltet sich wie folgt2:

  • Latenzphase von mindestens 6 bis maximal 24 h
  • Gastrointestinale Phase mit heftigem wiederholten Erbrechen, wässrigen Diarrhöen, abdominellen Krämpfen sowie massivem Wasser- und Elektrolytverlust über 6-9 h
  • Phase der trügerischen Remission etwa 2 Tage nach Mahlzeit mit klinischer Besserung
  • Hepatische Phase mit massiver Leberzellschädigung mit Konzentrationsanstieg der Transaminasen und des Bilirubins

Ein fulminantes Leberversagen mit schwerer Koagulopathie, hepatischer Enzephalopathie, hepatorenalem Syndrom, Kreislaufversagen und Tod ist möglich.

Therapie: Wenn die Ingestion weniger als 1 h zurückliegt, kann eine primäre Giftelimination durch Erbrechen oder Magenspülung versucht werden. Die repetitive Gabe von Aktivkohle in einer Dosierung von 0,5–1 g/kg oder maximal 50 g als Einmaldosis ist aufgrund des enterohepatischen Kreislaufs des Gifts während des gesamten Vergiftungsverlaufs sinnvoll. Eine Antidottherapie mit Silibinin in einer Dosis von 5 mg/kg über 1 h, dann 20 mg/kg über 24 h i. v. sollte bereits bei Verdacht auf eine Amatoxinvergiftung begonnen werden. Während der gastrointestinalen Phase besteht die Therapie aus aggressiver Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution. In der hepatischen Phase kommen neben der Gabe von Aktivkohle und Silibinin zusätzlich erweiterte intensivmedizinische Maßnahmen mit Substitution von Gerinnungsfaktoren und Hämodialyse bei Nierenversagen oder Laktatacidose in Betracht. Eine Lebertransplantation als Ultima-Ratio-Maßnahme ist indiziert bei Erreichen der Ganzert- oder der King’s-College-Kriterien.2

Verdacht auf Pilzvergiftungen: So sollten Sie vorgehen

  • Führen Sie eine gründliche Anamnese durch und befragen Sie den Betroffen zu Latenzzeit, Art des Pilzes, Zubereitungsart sowie die Zahl der symptomatischen Patienten.
  • Pilzreste sollten asserviert werden.
  • Nehmen Sie Kontakt zu einem Pilzsachverständigen über die Giftnotrufzentrale auf. Urin und Blut sollten aus klinischen und forensischen Gründen innerklinisch asserviert werden.
  • Vergiftungen mit einer kurzen Latenzzeit sind meist harmlos. Die Therapie richtet sich nach dem Ausmaß der gastrointestinalen Symptomatik (Antiemetika, Antidiarrhoika) sowie der Notwendigkeit der Flüssigkeits- und Elektolytsubstition.
  • Eine primäre Giftentfernung ist in den seltensten Fällen möglich oder notwendig, da die Ingestion in der Regel länger als 1 h zurückliegt und das Ausmaß der leichten Vergiftung die Risiken einer Magenspülung nicht rechtfertigt. CAVE: Keine übereilige Magenspülung vor Ort! Kein forciertes Erbrechen durch Laien oder gar Trinkenlassen von Salzwasser oder Milch!
  • Eine klinische Überwachung sollte bei schwerer gastrointestinaler oder atypischer Symptomatik sowie bei unklarer symptomatischen Pilzingestion erfolgen.
  • Besteht der Verdacht auf eine Amatoxinvergiftung, sollte frühzeitig eine Klinikeinweisung und eine Silibinintherapie erfolgen.

Quelle: https://www.coliquio.de/wissen/Pilzvergiftungen-So-sollten-Sie-vorgehen-100 - 17.10.2016