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Alarme sind nach wie vor im klinischen Alltag der Goldstandard zur Überwachung der Lebensfunktionen von Patienten: Sie sind unerlässlich für die Patientensicherheit und erleichtern die Arbeit der Mitarbeiter. Gleichwohl gibt es auch eine Kehrseite der Medaille: Jeder Intensivpatient und dessen Behandlung verursachen Studien zufolge mehr als 6 Alarme pro Stunde, wovon bis zu 90 Prozent Fehlermeldungen sind. Darauf weisen der Anästhesist Dr. med. univ. Benedikt Lorenz und seine Kollegen vom Universitätsklinikum Essen in einer aktuellen Publikation hin.1

Die folgenden Informationen basieren auf einer Publikation aus der Thieme-Fachzeitschrift AINS 2017; 52; 564-570. Dr. Nina Mörsch fasst wichtige Punkte für Sie zusammen.

Ständige Fehlalarme fördern Desensibilisierung

Die Autoren betonen, dass die zahlreichen Fehlalarme die Arbeitsbelastung unnötig erhöhen, weil sie oftmals zu einer Unterbrechung der Arbeit führen – mit folgenden möglichen Konsequenzen:

  • Das Fehlerrisiko bei der Zubereitung von Medikamenten steigt mit jeder Unterbrechung
  • Alarmgrenzen werden in kritischen Bereichen verstellt, um die Alarmhäufigkeit zu senken
  • Alarme werden überhört, verspätet beachtet oder gänzlich ignoriert („Alarm-Fatigue“): Auf einer Intensivstation in einer US-amerikanischen Klinik blieben 41 Prozent aller Alarme vom Personal völlig unbeantwortet, kein Mitarbeiter betrat nach dem Ertönen des Alarms das Patientenzimmer.
  • Verspätete Reaktionen auf tatsächlich lebensgefährliche Situationen können zu alarmbedingten Zwischenfällen (auch Todesfällen) führen.

 

Wichtig: Die Mitarbeiter sollten für die Gefahren des „Alarm-Fatigue“ sensibilisiert werden.

Fehlalarme reduzieren: Mögliche Lösungsstrategien

Wie schafft man es, dass ein Alarm nur dann ertönt, wenn wirklich eine Gefährdung vorliegt? Die Autoren nennen folgende Ansätze:

1. Individuelle, patientenbezogene Einstellung der Alarmgrenzen

20 bis 40 Prozent aller Alarme werden während der Pflege verursacht, z.B. durch verrutschte Sauerstoffsättigungsclips oder Blutdruckalarme während arterieller Blutabnahme. Eine temporäre Stummschaltung der Alarme während der unmittelbaren Pflege kann zu einer deutlichen Reduktion der Alarme führen. So verhinderte schon eine 6-sekündige Verzögerung zwischen geräteinterner Problemerkennung und Alarmierung die Hälfte aller Sauerstoffsättigungsalarme, ohne dass ernste Risiken auftraten. Zudem reduziert das tägliche Wechseln der EKG-Elektroden zur Verbesserung der Signalqualität die Fehlalarmrate um 46 Prozent.

Wichtig: Das Personal muss darin geschult sein, Geräte, Überwachungsumfang und Alarmgrenzen den individuellen Bedürfnissen eines Patienten anzupassen, betonen die Autoren.

2. Persönliche Alarmierung der Mitarbeiter per Smartphone

Wurden Bezugspflegekräfte mittels einer persönlichen Nachricht über ein mobiles Gerät alarmiert, reduzierte sich die Anzahl der lauten Alarme um 76 Prozent, so das Ergebnis einer Testphase auf einer Intensivstation mit 52 Betten. Auch Anästhesisten reagierten auf einen simulierten anästhesiologischen Zwischenfall schneller, wenn sie per Vibrationsalarm statt durch herkömmliches Monitoring alarmiert wurden. Eine solche lautlose Alarmierung trägt zudem zu einer Reduktion der Lärmbelästigung bei.

3. Modifikation geräteinterner Algorithmen

Auch eine Verbesserung geräteinterner Alarmalgorithmen könnte zu einer Verminderung der Alarmhäufigkeit beitragen, schreiben die Autoren. Dies erfordere zum Beispiel Maßnahmen wie eine Verbesserung der Signalerfassung und eine exakte Validierung des Alarms. Neben statistischen Methoden basieren neue Ansätze auch auf „künstlicher Intelligenz“. Vorteilhalft wäre, so Lorenz und Kollegen, eine multivariate Analyse der Vitalparameter, bei der die Überwachungseinheit selbstständig erkennt, dass etwa eine plötzlich auftretende vermeintliche ventrikuläre Tachykardie mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht vorliegen kann, während der invasiv gemessene Blutdruck unverändert im Normalbereich liegt.

4. Personelle Besetzung von Stationen verbessern

Je mehr Patienten eine Pflegekraft zu versorgen hat, desto größer ist die Gefahr, dass auf Alarme nicht zeitnah reagiert wird. Aus diesem Grund, so die Autoren, sollten Stationen mit intensivem Geräteeinsatz möglichst gut personell ausgestattet sein.

Nicht zu unterschätzen: Folgen des Lärms

Neben der gesteigerten Fehleranfälligkeit birgt der hohe Lärmpegel auch gesundheitliche Risiken für das Personal: Stress, erhöhter Blutdruck, Hypertonie und ischämische Herzerkrankungen sowie die Entwicklung von Burn-Out-Symptomen können die Folge sein, so die Autoren. Der tägliche Lärm stört zudem Patienten auf der Intensivstation, gefährdet die Heilung und soll ein Delir auslösen können. Aus diesem Grund wird der Einsatz von Ohrstöpseln für Intensiv-Patienten während der Ruhephase empfohlen.