FALLSTRICKE Hinterwandinfarkt verkannt! Legionellenpneumonie übersehen! Nicht nur jungen Ärzten unterlaufen Fehldiagnosen. Wissenswertes zu den Tücken des diagnostischen Prozesses und wie man sich davor schützen kann.

Der medizinische Irrtum nimmt lauteiner US-Analyse den dritten Rangplatzauf der Liste derTodesursachen ein. Als häufigste Gründe erwiesen sich

  • Fehler bei Medikationen,
  • Diagnosen und der
  • Interpretation vonTests bzw. Untersuchungen,

so Dr. Matthias Janneck, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Literaturdaten zufolge liegt der Anteilder Fehldiagnosen bei 10-15 %.

Jede sechste Synkope wegen Lungenembolie

Eine Arbeitsgruppe befasste sich mit Lungenembolien. Bei 100 Patienten, die nachweislich daran verstorben sind, wurde diese Diagnose nur in55 % zu Lebzeiten gestellt. Einer aktuellen Studie zufolge steckt hinter jeder sechsten Synkope eine Lungenembolie. „Wir alle machen solche Fehler“, so Janneck. Aber warum? Bei der Beschäftigung mit möglichen Ursachen fanden Forscher folgendes heraus:

  • Fehler werden repetitiv und systematisch gemacht.
  • Mangelndes Wissen ist in der Regelnicht die führende Ursache.
  • Meist wird die richtige Diagnose nicht in Erwägung gezogen.

Zu den Hauptgründen für Fehldiagnosen scheint das „Irren mit Konzept“ zugehören. Demnach ist unser Gehirn extrem bereit, bestimmte Diagnosen abzuliefem. Das läuft in klinischen Situationen blitzschnell ab und ist überdies einfach. Doch Befunde können auch fehlinterpretiert werden. Um sich vorFehldiagnosen zu schützen, sollte eine Balance gefunden werden zwischen dem klinischen Routineblick und der Wahrnehmung von Außergewöhnlichem. Dabei lassen sich vier klassische Konstellationen unterscheiden:

  • die typische Manifestation einer häufigen Erkrankung
  • die typische Manifestation einer seltenen Erkrankung
  • die atypische Manifestation einer häufigen Erkrankungdie atypisch
  • die Manifestation einerseltenen Erkrankung (s. Fälle).

Um der ärztlichen Entscheidungsfindung auf die Spur zu kommen, machten sich Wissenschaftler daran, den diagnostischen Prozess aufzudröseln: Allem voran steht der Patient mit seiner Krankheitspräsentation. Darauf reagiert das Gehirn, indem es eine „innere geistige Aktentasche“ bemüht, um zu prüfen, ob ein Muster für die Befunde existiert.

Muster-Erkennungsschiene funktioniert erstaunlich gut

Wird kein Muster erkannt, gibt es als Option den analytischen Denkansatz. Hierbei werden Differenzialdiagnosen gemäß Lehrbuch durchgekämmt. Kurzgefasst gibt es also zwei Wege:

  • die schnelle Mustererkennung und
  • den langsamen analytischen Prozess.

Zurück zum Alltag: Fortwährend muss ein Arzt anhand verfügbarer Daten klinische Entscheidungen treffen.Dies läuft weitgehend über die Muster-Erkennungsschiene und funktioniert erstaunlich gut, so Janneck. Bei systematischen Denk- und Wahrnehmungsfehlem können Denkwege grob vereinfacht so ablaufen: Gesucht werden Befunde, die die eigenenVerdachtsdiagnosen stützen, während man Befunde, die dagegen sprechen,gern leichtfertig ignoriert. Keiner erwartet im Praxisalltag, dass die initiale Diagnose immer stimmt, sagte Dr. Janneck. „Wenn allerdings weitere Befunde reinkommen, die partout nicht passen, muss man sich von derErstdiagnose verabschieden.

Diagnostische Wege immer hinterfragen!

Generell sollten Wege, die zur Diagnoseführen, hinterfragt werden und der Absprung zum analytischen Denken sollte gelingen. Wer sich mit übergeordneten Denk- und Wahmehmungsfehlern auseinandersetzt, kann sich besser vorfalschen Diagnosen schützen:Als einer der wichtigsten „Irrtümer“gilt der sog. Bestätigungsfehler: Die verfügbaren Informationen werden direktiv in Richtung derVerdachtsdiagnose bewertet. Letztlich kommt es zur Fehldiagnose. Auch das zu frühe Festlegen auf eine Diagnose erfordert eine selbstkritische Auseinandersetzung. Ein praktisches Beispiel: Bei unklaren Oberbauchschmerzen sollte man nicht sofort „V.a. Cholezystitis“ auf denBogen schreiben. „Denn danach macht sich keiner mehr Gedanken, der Fall ist sozusagen diagnostisch tot“ kommentierte Dr. Janneck.Von einem „search-satisfaction-bias“ sprechen Spezialisten, wenn ein neuer Befund, z.B. ein erhöhter Troponin-Wert, perfekt in das aktuell angedachte Konzept passt. Dabei sollte man immer überlegen, ob Laborwerte und Untersuchungsergebnisse wirklich das diagnostische Problem lösen.