Bei der Behandlung von Schwellungen im Kopf-Hals-Bereich zählt jede Sekunde. Im schlimmsten Fall sind Angioödeme lebensbedrohlich. Umso wichtiger, dass der Arzt ihre Ursache korrekt bestimmt. Auf den ersten Blick scheint die Diagnose „Allergie“ plausibel. Aber trifft sie immer zu?

Der Frühling lässt nicht mehr lange auf sich warten. Die Pollen von Erle und Hasel fliegen schon. Bienen und andere Insekten kommen bald aus der Winterruhe zurück. Klagt ein Patient über Schwellungen im Gesicht, liegt die Diagnose „Allergie“ nahe. Auch der Urlaub bietet Anlässe für empfindliche Reaktionen: von neuen exotischen Gerichten über reichlich Sonnencreme und Parfum bis zum Modeschmuck vom Strandhändler – die möglichen Auslöser allergischer Angioödeme sind vielfältig. Doch was, wenn eine Allergie nicht die Ursache ist?

Ursache von Angioödemen prüfen
Schwellungen im Kopf-Hals-Bereich können im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein. Für den Arzt gilt: Schnell und vor allem richtig handeln. Denn nicht alle Angioödeme sprechen auf die gleichen Medikamente an. Im Sprechzimmer oder der Notaufnahme muss dann ermittelt werden: Allergisch oder nicht? Die folgenden Fragen erleichtern die Ursachenforschung.

Die folgenden 3 Fragen erleichtern die Ursachenforschung:
 
1. Liegt eine Hautreaktion vor?
Allergische Angioödeme gehen häufig mit Hautreaktionen wie Rötungen, Quaddeln oder Juckreiz einher. Diese beruhen auf einer IgE-vermittelten Ausschüttung von Histamin. Antihistaminika, Kortikoide und Adrenalin sind dann die Mittel der Wahl zur Behandlung allergischer Schwellungen.
Bei wiederkehrenden Hautschwellungen ohne Quaddeln, Jucken, Urtikaria oder Pruritus, die länger als 2 Tage andauern, sollte immer ein hereditäres Angioödem (HAE) in Betracht gezogen werden. Ursache ist hierbei eine unkontrollierte Freisetzung von Bradykinin.1 Diese führt zu Vasodilatation und erhöht die Permeabilität der Blutgefäße, wodurch es zur Ödembildung kommt. In diesem Fall ist z. B. eine Behandlung mit spezifischen Bradykinin-B2-Rezeptorantagonisten wie Icatibant angezeigt.2
2. Nimmt der Patient Medikamente ein?
Bestimmte Medikamente, wie zum Beispiel ACE-Hemmer, können in das Kallikrein-Kinin-System eingreifen und den Abbau von Bradykinin stören. Es kommt zu einem Anstieg des Botenstoffs und den damit verbundenen Schwellungsattacken. ACE-Hemmer sind daher für HAE-Patienten kontraindiziert.
3. Treten die Schwellungen häufig auf und sind auch Familienmitglieder betroffen?
Insbesondere, wenn diese beiden Fragen mit „Ja“ beantwortet wurden, liegt der Verdacht auf ein HAE nahe. Ursache der Erkrankung sind autosomal-dominant vererbte Mutationen im Gen des C1-Esterase-Inhibitors (C1-INH). Typisch für das HAE sind rezidivierende Schwellungen, an den Extremitäten, im Gastrointestinaltrakt oder im Hals-Kopf-Bereich. Begleitsymptome wie wiederkehrende Bauchkrämpfe, Erbrechen und Diarrhoe können deshalb auf ein HAE hinweisen. Da es sich um eine Erbkrankheit handelt, sind oft mehrere Familienmitglieder von den Beschwerden betroffen.
 
Eine schnelle Diagnose kann Leben retten
HAE ist eine seltene Erkrankung, die akut auftretenden Schwellungen werden leicht mit wesentlich häufiger auftretenden allergischen Reaktionen verwechselt. Eine schnelle Diagnose kann lebensrettend sein, denn: Undiagnostizierte Patienten haben ein 9-fach höheres Erstickungsrisiko durch Ödeme an den Atemwegen als diagnostizierte Patienten.4 Neben einer Familienanamnese kann eine Laboruntersuchung helfen, die Frage „Allergisch oder nicht?“ zu beantworten.
Laboruntersuchungen bei Verdacht auf HAE:

Algorithmus bei Angioödem