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Fehler passieren in jedem Spital und in jedem Pflegeheim. Der Umgang mit diesen habe sich hierzulande stark gebessert, sagen Vertreter des heimischen Expertennetzwerks für Patientensicherheit.

43 Millionen Schadensfälle ereignen sich laut WHO jährlich weltweit im Gesundheitswesen. 28,6Millionen sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Im Unterschied zu früher steht heuteweniger die Suche nach Sündenböcken, Mitarbeiter und Medien, die die schlechte Kunde in dieWelt tragen, im Fokus. Vielmehr versucht man die Lehren zu ziehen. Aktuelles Beispiel: eineMedikamentenverwechslung im Spital Kirchdorf an der Krems führte zum Tod eines 61-jährigenPatienten, der mit Vorhofflimmern eingeliefert woden war. Was war passiert? Ein Pfleger hatteeine falsche Infusion verabreicht, er soll sie laut Bericht mit einer anderen Infusion verwechselthaben, weil sie in einer falschen Lade eingeordnet war und er das Etikett nicht mehr kontrollierthat. Dass Mauern und Abblocken sowie auf „die bösen Medien" schimpfen in Fällen wie diesen nichtder Weisheit letzter Schluss sind, ist den leitenden Ärzten und Pflegedirektoren klar, ansonstenhätten sie nicht die Plattform Patientensicherheit gegründet. Diese besteht immerhin schon seitzehn Jahren. Den Kulturwandel und habe einen Kulturwandel eingeleitet, sagt die PräsidentinBrigitte Ettl. Der ist nicht zu leugnen. So hat der oberösterreichische Spitalsträger gespag hat nachdem tragischen Vorfall seine internen Abläufe umgestellt, um Verwechslungen künftig zuvermeiden.

Bei einer Veranstaltung für Journalisten wurde auch klar, dass gewisse Tabus weiter bestehen. Zu wie vielen Todesfällen es nach Kunstfehlern kommt, weiß man nicht. Plattform-ManagerinKletecka-Pulker deutete an, dass man mit einer besseren Datenlage das eigene Anliegenöffentlichkeitswirksamer vertreten könnte. Nach dem Vorbild schwedischer Verkehrspolitik: „zero deaths by 2020".

Von der Droh- zur Sicherheitskultur

Dr. Brigitte Ettl, Präsidentin der Österreichischen Plattform Patientensicherheit, ärztlicheDirektorin am KH Hietzing: „Wenn früher auf einer Abteilung in einem Spital etwas passiert ist, dann hat man denSchuldigen gesucht und bestraft, das ging je nach Schweregrad der Verfehlung bis zur Entlassung. Die Organisation selber war damit, weiß', sie hatte eine Aktivität gesetzt und nach außen hin war alles in Ordnung. Dahinter steckte eine Drohkultur. Diese hat dazu geführt, dasswenn Schäden eingetreten oder Fehler passiert sind, diese klein gehalten wurden. Der Vorfallhat die Grenzen der einzelnen Abteilung üblicherweise nicht überschritten. Die Informationdarüber erreichte maximal den Abteilungsvorstand. Dadurch konnte man aus diesen negativenEreignissen auch keine Erfahrungswerte ziehen. Heute ist es so, dass Zwischenfälle oder Beobachtungen offen angesprochen werden, dass dieFehler über die Grenze der Abteilung hinaus kommuniziert werden. Dadurch bekomme ich alsärztliche Direktorin die Berichte auf den Schreibtisch und kann entscheiden, ob dieser Vorfalloder dieser Beinahe-Fehler nur in dieser Abteilung passieren kann oder ob so etwas woandersauch möglich wäre. Was in den vergangenen Jahren dazugekommen ist, dass einzelneMitarbeiter offen zugeben, dass ihnen etwas, das anonym berichtet wurde oder das in derZeitung gestanden ist, auch schon passiert ist. Früher herrschte Schweigen.Heute wissen wir, dass sowohl für die Patienten als auch für die Mitarbeiter eineSicherheitskultur entscheidend ist, das offene transparente Umgehen mit Fehlern. Nur so können andere aus diesen unerwünschten Ereignissen lernen und den nächsten Fehlervermeiden. Diese Sicherheitskultur lässt sich nicht von heute auf morgen aufbauen, tatsächlichist es notwendig über einen längeren Zeitraum zu beweisen, dass man diese neue Kultur ernstnimmt. Dafür eignen sich Berichts- und Lernsysteme, die Mitarbeitern im Gesundheitswesen anonym die Möglichkeit bieten, beobachtete Beinahe-Fehler einzugeben und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Die entscheidende Frage lautet: Kann das bei uns auchpassieren?"

Es gibt noch sehr viel zu tun

Mag. Gabriele Jaksch, Präsidentin der MTD-Austria, Dachverband der gehobenen medizinischtechnischen Dienste Österreichs: „Die Fehlerkultur hat sich verändert, das Ansprechen von Problemen ist ein wichtiges Themageworden. Das heißt aber nicht, dass wir schon am Ende der Fahnenstange angelangt sind, esgibt noch sehr viel zu tun. Ich vertrete sieben gehobene medizinisch-technische Berufe. ImBereich der Patientensicherheit stellt der medizinische Fehler die dritthäufigste Todesursachedar. Für uns ist, Speak Up' (engl. laut sprechen, auch-, sich ersetzen, Anm) ein großes Thema. Es geht darum, im Team Themen aufzugreifen und Fehler zu dokumentieren, um diese Fehler künftighintanzuhalten. Was das konkret bedeutet können wir am Beispiel des Krankheitsbildes derDysphagie sehen. Wenn sich der Patient verschluckt, besteht die große Gefahr, dass der Patientaspiriert oder sogar verstirbt. Hier ist Team- und Kommunikationsfähigkeit gefordert, sowohl von Logopäden und Diätologen als auch von den Gesundheits- und Krankenpflegern wie auch von den Ärzten, um so eine Aspiration zu verhindern. Zur Darstellung der Orthoptisten kann angeführt werden, dass sie auftretende Probleme bei der Patientenversorgung unmittelbarbeziehungsweise zeitnah mit dem Eye-Care-Team besprochen werden. Ein anderes Beispielkommt von den Physiotherapeuten und Ergotherapeuten. Diese regen ihre Berufskollegen überalle Medien an, die ihnen zur Verfügung stehen - Homepage, Newsletter, soziale Medien undFachzeitschrift -, Missstände anzusprechen, die man selber wahrgenommen hat. Außerdem läuft bei der Interessensvertretung PhysioAustria eine Umfrage bezüglich der Nutzung von CIRS (Critical Incident Reporting System, Anm.) mit folgenden Fragen: wird eingemeldet, wenn ja was wird gemeldet, woran liegt es wenn beobachtete Fehler nicht gemeldet werden, welche Unterstützung braucht die Berufsgruppe, damit sie ins CIRS einmelden kann? Bei manchentherapeutischen Berufen stelle ich fest, dass die Sensibilität noch nicht so vorhanden ist wie daswünschenswert wäre. Die meisten Einmeldungen ins CIRS kommen aus dem Labor und vom Röntgen

Amerikanische Verhältnisse sind aber nicht zu erwarten

Dr. Maria Kletecka-Pulker, Geschäftsführerin Plattform Patientensicherheit und und stv. Leiterindes Instituts für Ethik und Recht in der Medizin: „Ist das Recht hinderlich für die Arbeit in Gesundheitsberufen, haben wir bei uns nicht schonamerikanische Verhältnisse? Es gibt den Trend, dass zunehmend Rechtsschutzversicherungen abgeschlossen werden. Ich glaube aber nicht, dass wir amerikanische Verhältnisse bekommen, weil wir ein anderes Sozialversicherungssystem haben. In den USA versuchen Patienten oft übereinen Prozess zu Geld zu kommen, damit sie eine Behandlung bezahlen können. Dort stehen dieAnwälte oft schon in den Krankenanstalten. Ich glaube auch nicht, dass wir das bekommenwerden. Vor allem sollte es nicht dazu kommen, denn das würde das Vertrauensverhältnismassiv schädigen. Wir wollen gleichwertige Partner im Gesundheitssystem, es wird sogar davon gesprochen, dass der Patient Kunde ist. Ich glaube, das ist eine Illusion, der Patient ist nicht freiwillig hier. Er ist in einer Ausnahmesituation, hat Angst, es kommen Schmerzen dazu. Darüberhinaus wird der Patient von vielen Ärzten als potenzieller Kläger wahrgenommen, auch in denGesundheitsberufen gibt es große Sorgen. Was oft vergessen wird ist, dass der Patient auch Mitwirkungs-Pflichten bei der Behandlung hat. Er muss wahrheitsgemäß Auskünfte geben, wasauch zunehmend bei Prozessen beachtet wird. Dazu haben wir u. a. ein Patientenhandbuchentwickelt (https://bit.ly/2JN6aPG ). Warum ist der Übergang von der Schuld- hin zu einerSicherheitskultur so schwierig? Stellen Sie sich vor, sie sind ein Arzt. Sie machen einen Fehler, espassiert etwas bei einer Operation. Vielleicht ist es nicht einmal ihr Fehler, sondern es hat sichschicksalhaft etwas ereignet. Eine junge Mutter von drei Kindern stirbt. Der Arzt hat selbstKinder und weiß nicht welche rechtlichen Konsequenzen er fürchten muss. Er geht nach Hauseund trägt seine Angst vor einem Disziplinarverfahren mit sich. Viele Institutionen fangen ihreMitarbeiter hier schon sehr gut auf, aber bei weitem nicht alle. Solange der Dienstnehmer sichnicht in einem sicheren Rahmen weiß, wird der offene Umgang mit Fehlern nicht immerfunktionieren."

Quelle: Springer Medizin Online am 2.7.2018