Notfälle in abgelegenen Gebieten erfordern oft ein adaptiertes Vorgehen. Finden Sie hier eine Übersicht der wichtigsten Maßnahmen bei der Erstversorgung akuter Erkrankungen und Verletzungen in der Wildnis.

Ab wann gilt die medizinische Infrastruktur als „abgeschieden“?

Das Royal College of Surgeons of Edinburgh unterscheidet drei Stufen der „Abgeschiedenheit“ in Abhängigkeit davon, wie schnell ein Patient in ein Akutkrankenhaus eingeliefert werden kann:

Stufe 1: < 4 Stunden
Stufe 2: 4-12 Stunden
Stufe 3: >12 Stunden
 
Die folgenden Maßnahmen beziehen sich auf Situationen, in denen die nächste medizinische Einrichtung erst in mehr als vier Stunden erreichbar ist (Stufen 2 und 3).

Traumatologische Notfälle: Wärmeverlust vermeiden

Die Erstmaßnahmen bei der Versorgung traumatologischer Notfälle sind im Wesentlichen mit den üblichen präklinischen Maßnahmen vergleichbar. An erster Stelle steht dabei die Sicherheit der Hilfeleistenden: Mit der Behandlung des Verletzten wird nur nach Ausschluss jeglicher Gefährdung für die Helfer begonnen.

Wärmeverlust vermeiden

Bei kalten Außentemperaturen darf der Verletzte dabei nur soweit wie unbedingt nötig entkleidet werden, um einen Wärmeverlust zu vermeiden. Bei einem unterkühlten Patienten muss ein weiterer Wärmeverlust unbedingt vermieden werden. Um den Patienten wieder zu erwärmen, wird er in Decken eingehüllt und erhält heiße, wenn möglich gezuckerte, Getränke.

Frakturen & Luxationen: Möglichst schnell achsgerecht reponieren

Normalerweise können dislozierte Frakturen und Luxationen in der vorgefundenen Lage geschient und in die nächste Klinik transportiert werden. In abgelegenen Regionen müssen sie dagegen schnellstmöglich achsgerecht reponiert werden. Dies gilt auch für offene Frakturen. Das Reponieren führt zu einer sofortigen Schmerzreduktion und die frühzeitige Reposition verringert das Risiko für Kompartmentsyndrome, arterielle Durchblutungsstörungen und bleibende Nervenschäden.

Luxationen von Sprunggelenk, Kniescheibe, Zehen und Fingern können meist auch in der Wildnis problemlos reponiert werden. Bei Ellenbogen-, Knie- und Hüftluxationen ist hingegen praktische Erfahrung sehr wichtig.
Schulterluxation: Bei der Schulterluxation gelingt die Reposition in den meisten Fällen. Die Bankart-Läsion und die Hill-Sachs-Läsion sind typische Verletzungen, die bei einer Schulterluxation auftreten können. Diese sind in konventionellen Röntgenaufnahmen oft schlecht erkennbar. Aus diesem Grund sollte nach einer Schulterluxation in der Wildnis immer eine Kernspintomografie erfolgen.
Die zwei bekanntesten Techniken für die Reposition einer Schulterluxation sind die Methode nach Hippokrates und die Methode nach Kocher. Bei der Methode nach Arlt (mit einer Stuhllehne als Hypomochlion) ist das Risiko einer Plexus-Läsion im Vergleich zu anderen Techniken hoch, deswegen wird sie in der Wildnis nicht empfohlen.


Reposition einer Schulterluxation unter kontinuierlichem Zug mit Hilfe von Schlaufen
Die Methode des kontinuierlichen Zugs mithilfe von Schlaufen kann eine gute Alternative für Ärzte darstellen, die in den Techniken nach Hippokrates und Kocher nicht routiniert genug sind. Bei dieser Methode ist das Risiko für Nerven- und Knochenverletzungen vermutlich geringer. Hierzu existieren allerdings keine Studien.

Diese Methode, die u.a. in Indonesien angewandt wird, kann auch bei länger bestehender Schulterluxation erfolgreich sein. Dabei werden die Hände zusammengebunden und der Patient lehnt sich nach hinten. Es kann dann bis zu einer Stunde dauern, bis die Schulter und Oberarmmuskeln relaxieren. Dann springt der Humeruskopf wieder in die Schulterpfanne.

Frakturen der Extremitäten: In der Wildnis oft Improvisation gefragt

Frakturen der Extremitäten müssen für den Transport des Verletzten geschient werden. Für die Anwendung in der Wildnis haben sich hierfür insbesondere Universalpolsterschienen bewährt. Falls solche Schienen nicht verfügbar sind, muss improvisiert werden: Für distale Radiusfrakturen können Zeitungen oder abgepackte Nahrungsmittel, die man mit einem Dreiecktuch und Klebeband befestigen kann, verwendet werden (siehe Bildergalerie). Für die unteren Extremitäten eignen sich Walkingstöcke.
Eine orale Analgesie kann z. B. durch die Kombination eines nichtsteroidalen Antirheumatikums mit dem Opioid Tilidin (in den meisten Ländern unterliegt es keinem „Betäubungsmittelgesetz“) erfolgen.

Wirbelsäulenverletzungen: Immobilisierung nur in Ausnahmefällen

Die Indikation zur Immobilisierung der Wirbelsäule ist bei langen Transportzeiten besonders streng zu stellen. Bei bewusstseinsklaren Patienten ist die Verletzung meist durch den schmerzbedingt erhöhten Muskeltonus stabilisiert.

Es gibt keine ausreichende Evidenz dafür, dass eine zusätzliche Immobilisierung der Wirbelsäule neurologische Schäden verhindert. Im Gegenteil: es können hierdurch Komplikationen verursacht werden. Cervikalstützen („Stiff Necks“) werden häufig falsch angelegt. In der Wildnis sollte die Indikation zur Wirbelsäulenimmobilisierung sehr streng gestellt werden. Liegt eines der 5 NEXUS-Kriterien sollte eine Immobilisierung der Wirbelsäule erfolgen!