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ImageMediziner, Sanitäter und Pfleger handeln in einem Wertesystem, in dem die Erhaltung menschlichen Lebens und die Wiedererlangung vollständiger Gesundheit an oberster Stelle stehen. Diskussionen über den monetären Wert eines menschlichen Lebens erscheinen ihnen unethisch und anmaßend. Wem steht es schon zu, den Wert eines individuellen Menschenlebens zu bestimmen? Kann ein derartiger Wert überhaupt realistisch, verlässlich und allgemein gültig erhoben werden? Welcher Denk- und Diskussionsansatz führt uns am ehesten zu einem brauchbaren Ergebnis? Und wozu überhaupt?

Bevor wir uns nun damit auseinandersetzen, wie die Medizin mit diesem heiklen Thema umgeht und welche Stellung sie diesbezüglich einnimmt, führen uns unsere Überlegungen durch einige andere, nicht weniger interessante Themenbereiche.

Würden wir mit ethischen Überlegungen betreffend den Wert eines Menschenlebens beginnen, müssten wir uns zunächst auf eine wesentliche (wenn selbstverständlich auch zutreffende) Aussage beschränken: Es steht niemandem zu, über den Wert eines menschlichen Lebens zu bestimmen. Machten wir diese Doktrin aber zum Grundgedanken unserer Diskussion, kämen wir bereits hier zum Ende unserer Überlegungen; somit sei von vornherein festgehalten, dass wir sämtliche nachfolgende Ausführungen abseits ethischer Ansichten behandeln. Zweifelsohne ist die Würde eines jeden Menschen unantastbar.

 
Die wesentliche Frage, die wir uns gleich zu Beginn stellen, ist wohl die nach der Zusammensetzung eines solchen Wertes für ein menschliches Leben. Definiert sich der Wert eines Lebens durch das, was man schon erlebt hat, oder durch das, was man noch erleben wird? Setzt er sich zusammen aus dem, was man ist, oder dem, was man noch wird? Wird er bestimmt von unseren Fähigkeiten, Stärken und Schwächen? Oder von unserer biochemischen Zusammensetzung, dem Marktwert unserer Organe? Oder gar von unserem Einkommen und der Höhe unseres Bankkontos?
 
Kein Zweifel besteht daran, dass der Wert eines Menschenlebens in weitaus größerem Maße von nicht-monetären und nicht-quantitativen Variablen bestimmt wird. Eine sozialpolitisch untermauerte Diskussion würde uns wahrscheinlich zu dem Ergebnis führen, dass sich der Wert eines Menschen danach bestimmt, was er für sein (soziales) Umfeld bedeutet oder was er zur Gesellschaft beiträgt. Wir werden vielleicht schlussfolgern, dass sich sein Wert danach berechnet, welchen Nutzen er der Gesellschaft oder seinem Umfeld bringt. Diesen Ansatz des „Nutzens“ findet man bereits im 19. Jahrhundert, als Adolf Jost den Wert des Menschen aus der Differenz vom Nutzen und Schaden für die Allgemeinheit berechnete (eine Sozialpolitik, die danach übrigens in aller Konsequenz im Nationalsozialismus umgesetzt wurde). Aber ebenso schnell, wie wir zu diesem Ergebnis kommen, werden uns auch erste Unstimmigkeiten auffallen, die wir hinterfragen sollten: Hat demzufolge das Leben eines Verbrechers minderen Wert, weil er das Wohl der Gesellschaft negativ beeinflusst? Wie ist der Wert eines Menschen, der abgeschieden und alleine lebt und kein soziales Umfeld und demnach keinen Nutzen für andere hat? Der Wert eines Obdachlosen? Oder, noch provokanter, der Wert eines Amerikaners zum Wert eines Asiaten?

So absurd und unethisch diese Differenzierung nach Nationalität auch erscheinen mag, die Ereignisse der jüngsten Zeit haben uns gezeigt, dass derartige „Wertunterschiede“ nicht von der Hand zu weisen sind: die UNO bezifferte den Schaden durch Hurrikan „Katrina“, der vor kurzem große Teile der Südstaaten der USA zerstörte und überflutete, mit 25 Milliarden Dollar; die Schäden durch die Flutwelle in Südostasien hingegen „nur“ mit 10 Milliarden Dollar, obwohl in Asien etwa sechzig mal mehr Menschen umgekommen sind, der Schaden aber nur etwa zur H?lfte geringer war als in den USA. Ein (verlorenes) Menschenleben hat demnach in Amerika einen höheren Wert als in Asien.

Auch die Vergangenheit zeigt ganz deutliche nationenabhängige Wertdifferenzen. So entsprach der Wert eines jüdischen Menschenlebens unter dem Regime des Nationalsozialismus nicht annähernd dem eines deutschen.
 
Ist es demnach die Gesellschaft, die Nationalität oder die Herkunft, die den Wert eines Lebens bestimmen? Oder können wir auch für uns selbst entscheiden, wie viel uns unser Leben wert ist und wozu wir bereit sind, es zu erhalten:

… als der junge Mann oben ankam, stand dort ein älterer Herr. Der fragte ihn: „Hey, was willst du tun? Willst du etwa hinunter springen?“. Der junge Mann schaute überrascht und fragte dann: „Was geht Sie das an?“ „Mich geht das eigentlich überhaupt nichts an“, erwiderte der ältere Herr. „Du kannst tun und lassen, was du willst. Ich habe nur einen Freund, der braucht dringend eine Niere und würde einen sehr hohen Preis dafür bezahlen. Er wartet schon so lange und ist sehr reich. Und wenn du dich sowieso umbringst, dann kannst du damit ja einem anderen helfen und nebenbei ein Geschäft machen. Geld ist doch so wichtig heutzutage. Es wäre doch schade, wenn ein so junger Mensch einfach sein Leben wegwirft, während ein älterer Mensch diese Lebenskraft herbeisehnt.“

Der junge Mann hielt inne. Plötzlich dachte er nicht mehr an Suizid. „Wie viel wäre ihm die Niere wert?“ fragte er. „Mindestens 100.000 Franken“ antwortete er. „Aber eigentlich spielt Geld keine Rolle. Nenne einen Preis, und er wird ihn bezahlen.“ Der junge Mann schaute verunsichert. „100.000 Franken? Von so viel Geld habe ich noch nicht einmal geträumt. Oder vielleicht 200.000 oder 500.000 Franken? Warum soll ich mich dann umbringen?“ Der ältere Herr schwieg einen Moment. Dann sagte er: „Tja, das musst du schon selbst wissen.“

Plötzlich wurde der junge Mann nachdenklich. „Wenn allein eine Niere schon so viel wert ist, wie viel könnte ich dann für meine anderen Körperteile bekommen? Augen, Leber, Herz?“ Der ältere Herr sagte einen Moment lang nichts. „Ich glaube, in Zahlen ist das gar nicht zu fassen. Ein Mathematiker würde sagen: Der Wert ist unendlich. Das heißt: Mit Geld lässt sich das gar nicht bezahlen.“ „Wenn mein Leben so wertvoll ist, dann wäre ich ja sehr dumm, wenn ich es einfach so wegschmisse“, antwortete da der junge Mann. Zusammen nahmen sie den Fahrstuhl ins Erdgeschoss.

(Der Autor J. Schütz gibt Hilfen für suizidgefährdete Jugendliche)
 
Die Aufnahme religiöser Aspekte in diese Diskussion um den Wert eines menschlichen Lebens könnte uns noch einen Schritt weiterbringen: Ganz gleich welche Religion wir mit einbeziehen (eine Ausnahme stellt unter Umständen das Kastensystem des indischen Hinduismus dar), es wird immer darauf hinausführen, dass jeder Mensch bedingungslos wertvoll und einzigartig ist und dass die Würde jedes Menschen gleichermaßen geachtet und respektiert werden muss. Ein gläubiger Mensch wird sein Leben, und gleichermaßen das anderer, als göttliches Geschenk ansehen, und seinen Wert als unvergleichbar hoch empfinden. Doch selbst diese Betrachtung unter der Prämisse von (göttlicher) Liebe, Vergebung und universeller Gerechtigkeit lässt uns den Wert eines Menschenlebens nur vage begreifen.

Dass sich der Wert eines menschlichen Lebens im Zeitablauf zu ändern scheint, zeigen die historischen Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte. Bereits Ende des 17. Jahrhunderts entstanden Debatten über den (ökonomischen) Wert eines Menschen, welche vorwiegend dem Zwecke der Entlohnung von Arbeitskräften dienten (der Wert eines Menschen wurde lange Zeit seiner Arbeitskraft gleichgesetzt). In der Zeit des Absolutismus wurde der Mensch als bedeutender volkswirtschaftlicher Faktor gesehen, allerdings vor dem Hintergrund, dass er als Arbeits- und Streitkraft die staatliche Macht garantiert. „Die wahre Macht der Herrschaft liegt in der Zahl der Menschen“, stellte damals G. W. Leibniz fest. Im 19. Jahrhundert schaltete sich die Medizin in diese Diskussion ein und definierte den Wert eines Menschen über seine Gesundheit. Eine neue medizinische Richtung entwickelte sich, die „Experimentelle Hygiene“, deren Begründer Max von Pettenkofer (1818–1901) Hygiene und Nationalökonomie miteinander verband. Er analysierte beispielsweise Kleidung, Wohnung oder Ernährung nach naturwissenschaftlichen Kriterien hinsichtlich ihres Gesundheitseinflusses, um schlussendlich hygienische Normen zu definieren. (Eine unerwünschte Reaktion auf dieses hygienische Bestreben von Pettenkofers zeigte sich später in der „Rassenhygiene“ des Nationalsozialismus). Seit Beginn des Ersten Weltkrieges, viel verstärkter im Zweiten Weltkrieg und teilweise sogar bis heute entwickelten sich immer stärkere qualitative Unterschiede und damit verbunden unterschiedliche Wertigkeiten von Menschen, vor allem hinsichtlich ihrer Nationalität (wie die oben erwähnten Beispiele).
 
Obwohl ein rein qualitativer Wert eines Menschenlebens vielfach befriedigender, einfacher zu definieren und vielleicht auch realistischer ist, und es uns zumal anmaßend erscheinen mag, über den „wahren“, in diesem Fall monetären Wert eines Menschenlebens zu entscheiden (schon Immanuel Kant erkannte, dass der Mensch keinen Preis, sondern eine Würde besitzt), besteht in einigen Fällen trotzdem die Notwendigkeit, diesen Wert quantitativ zu erfassen.

Vertreter der Gesundheits- und Verkehrspolitik als auch Versicherungen oder die Rechtssprechung erfordern oftmals eine ökonomische Betrachtung des menschlichen Wertes. Um angemessene Versicherungsbeträge auszubezahlen oder entsprechende Strafmaße zu verhängen müssen Wertetabellen aufgestellt werden, die den Wert eines menschlichen Lebens taxieren. Nach dem Untergang der Titanic stellte man zum Beispiel folgende Formel zur Berechnung des Wertes („Preises“) eines menschlichen Lebens auf, das beim Untergang des Schiffes 1912 verloren ging:

Preis der „eingesparten“ Rettungsboote – eigene Schadenssumme bei Schiffsuntergang x Wahrscheinlichkeit des Schiffsuntergangs = Preis des Menschenlebens x Zahl der zusätzlichen Toten bei voller Auslastung

44 x 30.000 (Pfund Sterling) – 20.000.000 x 1/1000 = Preis Menschleben x 2.000

1.320.000 – 20.000 / 2.000 = Preis Menschenleben

Preis Menschenleben = 650 Pfund Sterling
(würde heute etwa 7.000 Euro entsprechen)
 
Eine ökonomische Betrachtung geht generell von der Annahme aus, dass Mittel (in Form von Geld, Zeit oder Rohstoffen) beschränkt sind. Diese Knappheit erfordert eine effiziente Verteilung der knappen Mittel. Ein Ökonom betrachtet demnach bei jeder Entscheidung die durch die Realisierung der Maßnahme entstehenden Kosten einerseits und den aus der Umsetzung der Maßnahme resultierenden gesamtwirtschaftlichen Nutzen andererseits, um den „Nettowert“ herauszufiltern. Ein Beispiel soll dies verdeutlichen:

Wie viel zählt ein Menschenleben?

Stellen Sie sich vor, Sie würden in den Stadtrat gewählt und mit diesem Vorschlag des Verkehrsdezernats betraut: Bau einer Ampelanlage für € 60.000.- an einer Straßenkreuzung, die bisher nur mit einem Stopp- bzw. Vorfahrtszeichen gesichert war. Der Nutzen der Ampelanlage besteht eindeutig in einer gesteigerten Verkehrssicherheit (statistisch erhoben wurde eine Senkung der Wahrscheinlichkeit für tödliche Verkehrsunfälle von 1,6% auf 1,1%). Sie müssen jetzt eine Entscheidung treffen, ob in die neue Ampelanlage investierte werden soll.

Um diese Frage zu beantworten, werden Sie als Ökonom eine Kosten-Nutzen-Analyse durchführen. Dabei sto?en Sie sehr schnell auf ein Hindernis: Wenn Sie Kosten und Nutzen sinnvoll miteinander vergleichen möchten, müssen sie in derselben Einheit gemessen werden. Die Kosten werden in Euro gemessen. Aber der Nutzen – die Rettung von Menschenleben – ist nicht unmittelbar monetär zu bestimmen. Dazu müsste man einem Menschenleben einen Euro-Wert zuordnen.

Die Versuchung liegt nahe, den Wert eines Menschen als unendlich zu beziffern, weil man sein Leben für keinen noch so hohen Geldbetrag hergeben würde. Damit käme man bei der Kosten-Nutzen-Analyse jedoch zu unsinnigen Ergebnissen, denn dann müsste man an jeder Ecke Ampeln aufstellen.

Wenn wir uns schließlich mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Menschenleben einen impliziten Euro-Wert hat, stehen wir vor der Fragen: Wie kann man diesen Wert bestimmen? Ein Ansatz, der bisweilen bei Gerichten zum finanziellen Ausgleich bei Todesfolgen Anwendung findet, stützt sich auf den im weiteren Leben erwarteten Einkommensbetrag. Dagegen spricht allerdings der Anschein, das Leben eines Rentners oder eines Behinderten hätte keinen Wert.

Ein besseres Verfahren zur Bewertung von Menschenleben besteht darin, auf die Risikobereitschaft der Menschen gegen Bezahlung bestimmter Beträge zu achten. So variiert das Sterblichkeitsrisiko aber von Beruf zu Beruf (Bauarbeiter auf Wolkenkratzer haben ein tendenziell höheres Sterblichkeitsrisiko als Büroangestellte). Allerdings kann man hier durch Entlohnungsunterschiede und Korrekturen um Bildungs- und Erfahrungsunterschiede einen Anhaltspunkt für die Werte gewinnen, die Menschen ihrem eigenen Leben zumessen. Studien nach diesem methodischen Ansatz kommen zu Werten für ein Menschenleben von etwa ) 20 Million.

Die Ampelanlage reduziert das Sterblichkeitsrisiko um 0,5 Prozentpunkte. Somit ist der Erwartungswert des Nutzens aus der Ampelanlage 0,005-mal ) 20 Millionen, er beträgt also ) 100.000. Dieser Schätzwert übersteigt die Kosten von ) 60.000 deutlich. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen übersteigt also die Kosten, das Projekt sollte realisiert werden.

(In Anlehnung an Mankiw, „Grundzüge der Volkswirtschaftlehre“)
 
2004 hat ein deutscher ?konom den durchschnittlichen Wert eines Menschenlebens (in Deutschland) mit 1,65 Millionen Euro beziffert, wobei ein Männerleben ihm zufolge einen höheren Wert (1,72 Millionen Euro) hat als ein Frauenleben (1,43 Millionen Euro) (Beschränkt hat er sich in seiner Arbeit allerdings nur auf sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer). Natürlich sind diese Ergebnisse nur der Wert eines „statistischen“ Lebens. Zu solch einem Wert kommt man häufig durch Befragungen:

Anschauungsbeispiel für die Berechnung des statistischen Wertes:

Angenommen, in einem Fußballstadion sind 10.000 Menschen. Sie wissen, dass ein zuf?älig aus der Menge ausgewählter Besucher sterben muss. Sie werden gefragt, wie viel sie zahlen wollen, um dieses Risiko von der Gemeinschaft – und somit von sich selbst – abzuwenden. Das Sterberisiko beträgt hier 1:10.000, die Zahlungsbereitschaft ist also dementsprechend gering. Beträgt sie – ein angenommener Wert – 300 Euro, so würden 10.000 Personen insgesamt drei Millionen Euro bezahlen und der statistische Wert für dieses eine Leben beträgt drei Millionen Euro.

(H. Spengler, Ökonom an der Technischen Universität Darmstadt)
 
Allerdings sollte erwähnt werden, dass Spengler in seinem Beispiel nur ein „undefiniertes“ statistisches Leben behandelt. Ginge es tatsächlich um das Leben eines Menschen, wäre es natürlich undenkbar, und höchst unmoralisch, Rettungsaktionen bei Erreichen der Kosten eines statistischen Lebens einzustellen (hier handelt es sich dann um ein „konkretes“ Leben).

Das Konzept des statistischen Lebens ist aber nicht nur ein reines Gedankenexperiment, es besitzt hohe praktische Bedeutung, etwa in der Berechnung kompensatorischer Lohndifferenziale (Anm.: die zentrale Idee dieses Ansatzes ist, dass Arbeitnehmer unter sonst gleichen Bedingungen nur dann riskantere oder in anderer Hinsicht unvorteilhaftere Besch?ftigungen akzeptieren, wenn sie dafür eine Kompensation in Form eines Lohnaufschlages erhalten).

Noch ein letztes, und sehr treffendes Beispiel hinsichtlich ökonomischer Berechnungen, bevor wir uns medizinischer Betrachtungen widmen:

Bei der Entwicklung eines neuen Autotyps stellten Techniker und Ingenieure eines bekannten amerikanischen Automobilproduzenten schon in der Entwicklungs- und Probephase fest, dass der Motor so platziert wurde, dass bei Auffahr- oder Aufprallunfällen in einem ganz bestimmten Winkel zum Motor das Auto mit signifikant hoher Wahrscheinlichkeit explodieren wird. Eine Modifizierung des Konzeptes und eine Neugestaltung des Autos würde Milliarden von Dollar verschlingen.

Deshalb berechnete man die wahrscheinlichste Anzahl eintretender Gerichtsverfahren und Schadenersatzklagen und die daraus resultierenden abschätzbaren Kosten und Klägeransprüche und stellte danach fest, dass selbst die überhöhtesten Schadenersatzzahlungen geringer seien als eine Neuüberarbeitung des Prototyps.
 
Nun aber genug von politischen, sozialen oder ökonomischen Theorien. Das, was uns als medizinisches Personal natürlich am meisten interessiert, ist der Standpunkt der Medizin zu diesem Thema. Dass auch die Medizin als solche in die Diskussion um den Wert eines menschlichen Lebens stark involviert ist, zeigt sich am neu entwickelten Berufsbild des Gesundheitsökonomen. Dieses medizinische Personal mit entsprechender wirtschaftlicher Kenntnis stellt den Effekt und den Nutzen medizinischer Leistungen (unterschiedlichste Therapie- und Untersuchungsmethoden) in Relation zu den Kosten, die dadurch anfallen. Als Kosten versteht man hier neben allen direkten Kosten (Medikamente, Untersuchungskosten, Lohnkosten für Ärzte und Pflegepersonal, Hospitalisierungskosten, etc.) auch indirekte Kosten wie Arbeits- oder Produktionsausfall, Transportkosten zum Arzt, Pflegekosten und Erwerbsaufall durch Angehörigenpflege, etc. sowie auch intangible Kosten, die für Schmerzen und den Verlust an Lebensqualität berechnet werden (diese Kosten sind naturgemäß am schwersten zu quantifizieren).
 
Kostenanalysen können aus verschiedenen Blickwinkeln und aufgrund unterschiedlicher Interessen durchgeführt werden. Eine Krankenversicherung könnte zum Beispiel eine Kostenanalyse über Rehabilitationsmaßnahmen durchführen und zu dem Schluss kommen, dass die Rehabilitierung nach einem Schlaganfall nicht kosteneffektiv sei und darum die Rehabilitationskosten nicht mehr vergütet werden. Dass dann aber Kosten der Rentenversicherung für eventuelle Invalidität anfallen zeigt, dass diese einseitige Sichtweise wenig zielführend ist.

Eine Gesundheitsbehörde beschließt, die Hospitalisierungskosten nicht mehr nach den im Spital verbrachten Tagen zu bezahlen, sondern vergütet nur mehr „diagnosebezogene Fallkosten“. Das Bestreben der Spitäler wird folglich sein, die Patienten möglichst schnell zu entlassen. Die eventuell durch die frühe Entlassung anfallenden Kosten (erhöhte Wiederverletzungs- oder –erkrankungsgefahr, Schmerzen, etc.) oder Kosten, die durch Pflege durch Angehörige auftreten, werden nicht berechnet und verfälschen wiederum das Ergebnis.

Anzustreben ist demnach eine Kostenanalyse aus „gesellschaftlicher Perspektive“, in der alle Kosten und nicht nur die eines speziellen Sektors erfasst werden.

(J. Steurer; „Qualy’s oder willingness to pay?“; Medizinische Poliklinik, Universitätsspital Zürich
 
Die gleichen Berechnungsschwierigkeiten wie bei den Kosten ergeben sich noch verstärkter beim Nutzen. Der Nutzen, oder „outcome“, wird in medizinischen Analysemethoden häufig als QUALY (quality adjusted life year) bezeichnet und umschreibt die „Nützlichkeit“ einer Therapie- oder Untersuchungsmethode. Diese Nützlichkeit wiederum setzt sich zusammen aus der Lebensverlängerung und der Lebensqualität (angegeben als numerischer Wert zwischen 1=vollkommen gesund und 0=tot).

Mit der Therapie A kostet ein gewonnenes Lebensjahr ) 45.000.-, mit Therapie B ) 58.000.-. Die Lebensqualität in dem gewonnenen Lebensjahr bei Therapie A beträgt 0,4; bei Therapie B 0,7 (wesentlich h?her).

Therapie A
) 45.000.- / LQ 0,4 = ) 125.000.-

Therapie B
) 58.000.- / LQ 0,7 = ) 82.360.-

Obwohl Therapie A wesentlich günstiger ist als Therapie B, sind die qualitätskorrigierten Werte für Therapie B besser!

(J. Steurer; „Qualy’s oder willingness to pay?“; Medizinische Poliklinik, Universitätsspital Zürich
 
In einigen Ländern dienen die Kosten pro QUALY bereits als Entscheidungsgrundlage. Liegen zB die Kosten pro QUALY unter $20.000, werden sie von der Krankenkasse oder vom Staat ohne weiteres übernommen. Liegen sie über $100.000, wird die Leistung von der Krankenkasse nicht mehr vergütet. Ob eine derartige Quantifizierung sinnvoll und gerecht ist, bleibt schwierig zu beurteilen.

Eine Berechnungsmethode, die euch nicht vorenthalten möchte, und die aus medizinischer Sicht besonders interessant erscheint, ist der ganz neutrale „Materialwert“ eines menschlichen Körpers. Ein menschlicher Körper setzt sich zusammen aus ungefähr 65% Wasser, 20% Eiweß, 10% Fett, 4% Mineralstoffe und 1% Kohlenhydrate (Flüssigkeitsanteil altersabhängig). Würden wir nun all die folgenden „Zutaten“ in einer Apotheke einkaufen, kostet uns ein menschlicher Körper gerade mal etwa fünf Euro…
 
Ein etwa 70 kg schwerer Mensch setzt sich zusammen aus:

ELEMENT GEWICHTSPROZENT MASSE
Sauerstoff (O) ca. 63 % ca. 44 kg
Kohlenstoff (C) ca. 20 % ca. 14 kg
Wasserstoff (H) ca. 10 % ca. 7 kg
Stickstoff (N) ca. 3 % ca. 2,1 kg
Kalzium (Ca) ca. 1,5 % ca. 1 kg
Phosphor (P) ca. 1 % ca. 0,7 kg
Kalium (K) ca. 0,25 % ca. 170 g
Schwefel (S) ca. 0,2 % ca. 140 g
Chlor (Cl) ca. 0,1 % ca. 70 g
Natrium (Na) ca. 0,1 % ca. 70 g
Magnesium (Mg) ca. 0,04 % ca. 30 g
Eisen (Fe) ca. 0,004 % ca. 3 g
Kupfer (Cu) ca. 0,0005 % ca. 300 mg
Mangan (Mn) ca. 0,0002 % ca. 100 mg
Iod (I) ca. 0,00004 % ca. 30 mg

(www.wikipedia.at)
 
Zu bedenken bleibt allerdings, dass der Marktwert funktionierender Organe wesentlich höher liegt. Ein toter Organspender etwa bedeutet in unserem Gesundheitssystem eine Sparmaßnahme von fast 300.000 Euro. Viele Mediziner befürchten diesbezüglich die Entwicklung eines „Organmarktes“, eines (illegalen) Handels mit Organen, der kaum zu kontrollieren wäre. Denn, wie wir inzwischen erkannt haben, geht es bei der Betrachtung von Menschenleben nicht nur um absolute Ethik, sondern auch um knallharte Ökonomie.

Und können wir schlussendlich eines mit Sicherheit aus dieser Diskussion resümieren, dann wohl das, dass der wahre Wert eines Menschenlebens immer im Auge des Betrachters liegt…. © Barbara Laimer 2005