In Österreich wird der bodengebundene Rettungs- und Krankentransportdienst hauptsächlich vom österr. Roten Kreuz abgedeckt. Mit 160 ImageNotarztwägen (NEF, NAW), sowie 1800 Rettungs- und Krankentransportwägen werden pro Jahr ca. 100.000 Notarzteinsätze, 165.000 Rettungseinsätze ohne Notarzt sowie rund 1,4 Mio. Krankentransporte abgewickelt.(1)

Diese Leistungen werden vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger mit jährlich mehr als 150 Millionen Euro beziffert, Tendenz stark steigend.(2) Es ist daher nur allzu verständlich, dass von Kostenträgern in zunehmendem Maß Transparenz und Verbesserungspotential der notfallmedizinischen Strukturen gefordert werden. Hierzu fehlen in Österreich allerdings fast vollständig weitgehend klare und bundesweit einheitliche Standards sowie Zeitdefinitionen (Ausnahme: Bgld.), auf deren Basis sich die Kosten der Dienstleistung „Rettung" realistisch und nachvollziehbar kalkulieren ließen.(3)

Die Hilfsfrist ist DIE maßgebliche Größe für die Strukturqualität und somit auch für die Infrastruktur des Rettungsdienstes und so alt wie die Notfallmedizin selbst. Im Gegensatz zu unseren Nachbarländern ist jedoch in Österreich die Hilfsfrist mehrheitlich nicht geregelt. (Ausnahme Burgenland LGBl. 44/2007; §5.9: "Rettungsorganisationen bzw. Betreiber oder Betreibergemeinschaften haben zu gewährleisten, dass jeder an einer Straße liegende Notfallort in der Regel (95% aller Fälle) innerhalb der vorgegebenen Hilfsfrist von 15 Minuten (Zeitraum vom Eingang einer Notfallmeldung in der zuständigen Rettungsleitstelle bis zum Eintreffen des Rettungsmittels am Notfallort) erreicht werden kann." 

Unterschiedliche oder gar fehlende Zeitdefinitionen erschweren Vergleiche zwischen Einsätzen, Standorten und Bundesländern oder machen diese gar unmöglich.(4) Politik und Rettungsorganisationen sind also gefordert, die Idee einer bundesweiten, einheitlichen Vorgabe der Hilfsfrist voran zu treiben und somit die erforderliche Basis für Qualitätsmanagement und Benchmarking zu schaffen. Generell ist festzuhalten, dass eine genaue Unterscheidung von Zeitpunkten und Zeitabschnitten (auch Zeitintervall, Zeitspanne oder Teilzeit genannt) unerlässlich ist. Zeitpunkte sind die Zeiten, zu denen eine Aktion beginnt oder endet, die Zeitspanne ist die Zeit zwischen Beginn und Ende einer Aktion. Auch die Verwendung umgangssprachlicher Ausdrücke soll vermieden werden, denn auch sie führt zu Problemen in der zeitbasierten Auswertung.(5) Die folgende Abbildung gliedert den Notfallprozess in seine Zeitpunkte, Teilzeiten und Zeitabschnitte. Gängige Definitionen sind im Anschluss daran beschrieben.
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Entdeckungszeit: der Zeitabschnitt zwischen Notfalleintritt und Entdeckung des Notfallpatienten. Dieser Zeitabschnitt kann nicht durch organisatorische Maßnahmen der Leitstelle oder des Rettungsdienstes beeinflusst werden.
Entscheidungszeit: der Zeitabschnitt die der Melder benötigt um ein Handlungskonzept aufzubauen und sich zum Absetzen eines Notrufes entschließt. Eine Verkürzung dieses Zeitabschnittes kann allenfalls durch eine bessere Ausbildung der Bevölkerung in Erster Hilfe erreicht werden.
Reaktionszeit: der Zeitabschnitt den der Ersthelfer benötigt um eine Meldemöglichkeit (Handy, Telefonzelle, Passanten, Notrufsäule...) zu finden. Dieser Zeitabschnitt ist in Zeiten der mobilen Telephonie fast schon vernachlässigbar.
Leitstellenerreichungszeit: besteht aus der Zeit, die für den Verbindungsaufbau zur Rettungsleitstelle verstreicht. Möglichst wenig Notrufnummern mit einem möglichst hohen Bekanntheitsgrad vermindern das Risiko langer Alarmierungswege.
Aufschaltzeit:  beschreibt den Zeitabschnitt zwischen Erreichung der Rettungsleitstelle und Gesprächsbeginn mit dem Mitarbeiter. Als akzeptable Aufschaltzeit wird in den US-Leitstellen das dreimalige Erklingen des Anruftons gewertet.(6)
Abragezeit: wird auch als Gesprächszeit bezeichnet. Hier werden die relevanten Informationen des Ersthelfers eingeholt bzw. abgefragt. Die Dauer dieses Zeitabschnitts hängt stark von der Dispositionsart der Leitstelle ab (horizontale oder vertikale Disponierung). Bei der vertikalen Notrufabfrage wird das Abrfagegespräch parallel zur Disposition weitergeführt und somit die Hilfsfrist wesentlich verkürzt. Nicht zu vernachlässigen ist bei dieser Art der Disposition auch die Vorteile des sogenannten „Dispatch-life-supports".
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Dispositionszeit: ist der Zeitabschnitt zwischen dem Zeitpunkt der Einsatzentscheidung und der Alarmierung des Rettungsmittels. Er ist hauptsächlich von den technischen Gegebenheiten der Leitstelle abhängig.
Ausrückzeit: ist der Zeitabschnitt zwischen Quittierung des Alarms und der Statusmeldung „Auftrag angenommen". Diese wird häufig vom Stützpunktbetreiber vorgeschrieben. (Bsp.: NEF-Innsbruck: untertags 1 Minute, nachts unter 2 Minuten(7)) Eine negative Beeinflussung der Ausrückzeit ergibt sich vor allem durch längere Dienstzeiten. Bestimmte „Einsatzstichworte" wirken sich ebenfalls auf die Ausrückzeit der Dienstmannschaft aus. Eine deutliche Verkürzung ist bei traumatischen Einsätzen und Notfällen mit Patienten der Altersgruppe zwischen 0 und 6 Jahren zu beobachten, eine Verlängerung bei Patienten >60a und bei Einsätzen in Altenheimen(8).
Fahrzeit: ist der Zeitabschnitt zwischen den Zeitpunkten „ausgerückt" und „Eintreffen am Einsatzort". Neben Straßenbau, Verkehrssituation, Motorisierung und Verwendung von Sondersignalen wird die Fahrzeit auch von den bereits oben genannten „Einsatzstichworten" bestimmt. So wurden zum Beispiel erhöhte Geschwindigkeiten bei Einsatzfahrten zu Kindernotfällen festgestellt(10).
Suchzeit: wird vor allem durch genaue Notrufabfrage und exakte Zufahrtsbeschreibungen durch die Leitstelle bestimmt. Auch Lotsen tragen wesentlich zu einem schnelleren Eintreffen des Rettungsmittels am Einsatzort bei(9).
Zugangszeit: beschreibt den Zeitabschnitt zwischen dem „Eintreffen am Einsatzort" und dem ersten Patientenkontakt. Die Zugangszeiten des bodengebundenen Rettungsdienstes sind im Allgemeinen kürzer als die der Luftrettung. Der Notfallort spielt ebenfalls eine große Rolle. Findet der erste Patientenkontakt auf offener Straße statt, so beträgt die durchschnittliche Zugangszeit 12,4 Sekunden, bei Notfällen in Gebäuden 64,2 Sekunden. Aufgrund dieser, nicht durch den Rettungsdienst beeinflussbaren Variablen ist es nicht sinnvoll die Zugangszeit in die Hilfsfrist mit einzubeziehen.
Aber wie ist die Hilfsfrist eigentlich genau definiert? Im deutschen Sprachraum existieren neben dem Begriff „Hilfsfrist" noch weitere, ebenfalls angewandte Ausdrücke wie „Reaktionszeit, Eintreffzeit, Hilfeleistungszeit und Fahrzeit". Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass es zu diesen unterschiedlichen Begriffen auch verschiedene Definitionen für die Hilfsfrist gibt.

Definition 1: Die Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND) definiert Hilfsfirst als: „Planungsgröße für den Rettungsdienstbereich als Zeitspanne zwischen dem Aufschaltzeitpunkt des Notrufes bei der für den Rettungsdienst zuständigen Leitstelle und dem Eintreffen eines geeigneten Rettungsmittels der Notfallrettung an dem Einsatzort." Eine Zeitspanne von 10 Minuten soll nicht überschritten werden(10).

Definition 2: Die deutsche Bundesärztekammer definierte die Hilfsfrist 1997 als: „Zeitabschnitt zwischen dem Eingang der Meldung bei der Rettungsleitstelle und dem Eintreffen des Rettungspersonals beim Patienten."

Für den Patienten ist nur diese, in Definition 2 genannte Beschreibung, von Interesse. Die Hilfsfrist kann jedoch für diesen Zeitabschnitt nur als Grundlage herangezogen werden. Sie dient vielmehr der Analyse von Struktur und Prozessqualität und darf keine Parameter enthalten die nicht von planerischer oder gesetzgeberischer Relevanz sind.  Wegen der besonderen notfallmedizinischen Relevanz der Hilfsfrist und den daraus abzuleitenden planerischen Maßnahmen der Träger des Rettungsdienstes für die Strukturqualität ist es dringend erforderlich klare, eindeutige, einheitliche und vor allem verbindliche Definitionen und Vorgaben festzulegen(7). Die Hilfsfrist bestimmt also die Anzahl der Rettungswachen und Notarztstandorte. Im Jahr 2000 gab es in Österreich ungefähr 460 Dienststellen und rund 100 Notarztstützpunkte. Ein flächendeckendes Rettungs- und  Notarztsystem ist also annähernd gegeben, wenn auch nur historisch gewachsen. Es wäre jedoch an der Zeit eine gesetzliche Frist für Rettungswachen UND Notarztstandorte festzulegen um den Anforderungen des Patienten und dem steigenden Kostendruck gerecht zu werden. Das Bundesland Burgenland hat diesbezüglich vor kurzem eine Vorreiterrolle übernommen. Es wäre wünschenswert wenn sich die anderen 8 Länder an dieser "Vorgabe" orientieren und keine neuen, eigenen Definitionen aufstellen. Diese neue Hilfsfrist muss sämtliche Zeiten erfassen, die der organisatorischen Einflussnahme des Rettungsdienstes zugänglich sind. Nur dann ist sie ein guter Parameter zur Beurteilung der Strukturqualität. © Josef Eigenstuhler 2008
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(1) Bundesministerium für Gesundheit, Familie und Jugend; Gesundheitsbericht Österreich 2004; http://www.bmgf.gv.at/
(2) Österreichische Sozialversicherung: Mehr Effizienz und neue Tarifmodelle im heimischen Rettungswesen notwendig. http://www.sozialversicherung.at/
(3) Gastkommentar von Dr. Werner Kerschbaum (Stv. Generalsekretär des ÖRK) Rettung - bitte nicht retten! Die Presse, Archiv 10/2006
(4) Hinkelbein J. Analyse zur Qualität und Aussagekraft der Daten von Heidelberger Notarzteinsätzen. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg: Medizinische Dissertation, 2002
(5) Hinkelbein J. Zeitpunkte und Zeitabschnitte zur Beschreibung der Struktur- und Prozessqualität im organisatorischen Rettungsablauf. Der Notarzt 2004; 20: 125-132
(6) J Clawson. Specific Telephone Techniques. Principals of emergency medical dispatch 1998 Brady, Englewood Cliffs. S.21
(7) M. Baubin. Die Verantwortung des systemverantwortlichen Notarztes. Mitteilungen der Ärztekammer für Tirol 2004 Nr. 3
(8) M.Lipp. Einfluss von Einsatzstichworten auf die Reaktionsparameter von Rettungsmitteln. Notfall- & Rettungsmedizin 1999 ; 2:285-292
(9) P.Sefrin. Stellenwert der Zugangszeit zum Patienten in der Rettungskette. Der Notarzt 2002; 18:93-99
(10) Bundesvereinigung der Arbeitsgemeinschaften der Notärzte Deutschlands (BAND) e.V. Stellungnahme zur Hilfsfrist im Rettungsdienst (Notfallrettung). Der Notarzt 2001; 17:A33-A34
(11) Bundesärztekammer, Grundlagen und Grundsätze zur Weiterentwicklung der Rettungsdienste und der notfallmedizinischen Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland. http://www.baek.de/