GRAZ – Die meisten Menschen versterben an ihren Arzneimitteln und nicht an ihren Krankheiten. Dies vermutete bereits Moliere, der für seine kritische Einstellung der Ärzteschaft gegenüber ja bekannt ist. Medikamente und ihre Interaktionen stellen auch heute oder gerade noch immer eine Bedrohung für Leib und Leben dar, wie Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie in Wien, beim diesjährigen Kongress der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin feststellte.

In jenem Maße, in dem der „Austria Codex“ in den letzten Jahren an Umfang zugenommen hat, haben auch die Interaktionspotenziale zugenommen. Der häufigste Aufnahmegrund, der aus einer unerwünschten Medikamentenreaktion resultiert, sind gastrointestinale und zerebrale Blutungen infolge einer Therapie mit NSAR, besonders in Kombination mit SSRI, Azetylsalizylsäure oder Clopidogrel. Ein weiterer wichtiger Grund für Spitalseinweisungen sind Störungen des Wasser- und Elektrolythaushaltes durch Diuretika.

Einer amerikanischen Studie zufolge erlitten 7 % der hospitalisierten Patienten eine unerwünschte Arzneimittelreaktion, und 0,3 % der hospitalisierten Patienten verstarben an einer derartigen Komplikation – damit ist der Arzneimittelzwischenfall die vierthäufigste Todesursache in amerikanischen Krankenhäusern.

Laut Univ.-Prof. Dr. Eckhard Beubler, Institut für Experimentelle und klinische Pharmakologie Graz, sterben in den USA dreimal so viele Personen an einer unerwünschten Arzneimittelwirkung als an Verkehrsunfällen. Besonders bei älteren Polymorbiden ist dieses Risiko sehr hoch. In Österreich mussten im Jahr 2001 in der Altersgruppe der über 75-Jährigen 19 % wegen unerwünschter Arzneimittelwirkungen stationär aufgenommen werden, wobei 15 % als „vermeidbar“ eingestuft wurden.

Die Medikamentengruppen, die am häufigsten mit unerwünschten Nebenwirkungen und Interaktionen belastet sind, sind SSRI, Betablocker, ACE-Hemmer, NSAR, Kalziumkanalblocker und Penizilline. Speziell den unerwünschten Interaktionen muss, laut Prof. Müller, große Beachtung geschenkt werden. So ist das Interaktionsrisiko bei zwei gleichzeitig verabreichten Medikamenten 13 %, bei vier Medikamenten 38 % und bei sieben am gleichen Tag verabreichten Medikamenten 82 %.

Nicht alle dieser Interaktionen sind klinisch relevant, manche beeinflussen die Wirksamkeit, und einige wenige führen zu gefährlichen Nebenwirkungen. Das Risiko einer unerwünschten Arzneimittelinteraktion ist besonders hoch bei Medikamenten mit niedriger therapeutischer Breite, mit steiler Dosis-Wirkungskurve und bei Einschränkungen der funktionellen Reserven lebenswichtiger Organe. Ein Beispiel vorteilhafter Interaktionen sind jene zwischen ACEHemmern und Hydrochlorothiaziddiuretika, oder im Rahmen von Polychemotherapien.

Ein Beispiel einer nachteiligen Interaktion ist die Aufhebung des kardioprotektiven Effekts von Azetylsalizylsäure durch Ibuprofen und andere NSAR. ASS muss daher zwei Stunden vor einem NSAR verabreicht werden, damit es die irreversible Hemmung der Thrombozytenfunktion erreichen kann.

Bei gleichzeitiger Gabe wird es durch NSAR von der Bindungsstelle verdrängt. Zu einer nachteiligen Interaktion kommt es auch bei gleichzeitiger Gabe von NSAR und SSRI, da die Letztere die Serotoninkonzentration in den Thrombozyten reduzieren und somit die Thrombusbildung beeinträchtigen.

Ein wichtiger Mechanismus von Interaktionen ist der Abbau der Medikamente durch die Cytochrome. Besonders betroffen sind davon Medikamente wie Midazolam, Cyclosporin, Verapamil, Phenytoin, Kumarine und Alfentanil. Deren Wirkung kann durch eine Hemmung des Abbaus durch Cytochrominhibitoren (Makrolide, Chinolone, Ritonavir oder Azol-Antimykotika – unterschiedliche Cytochrome sind betroffen) verstärkt oder durch Cytochrom-Induktoren wie z.B. Rifampicin abgeschwächt werden. Was empfehlen die klinischen Pharmakologen zur Vermeidung von Interaktionen und unerwünschten Arzneimittelwirkungen: Der billigste Lösungsansatz ist die Vermeidung von Polypragmasie, sofern möglich. Weiters soll, besonders bei neuen Medikamenten, das Interaktionspotenzial kritisch hinterfragt werden. In Zukunft könnten auch Computerprogramme, die das Interaktionspotenzial von Kombinationstherapie eruieren, bei der Vermeidung von Interaktionen hilfreich sein. HFH

39. Jahrestagung der Gesellschaft für Innere Medizin; Graz, September 2008

Quelle: Medical Tribune Nr.40 1.10.2008