INNSBRUCK – 17 Lawinentote gab es bis Mitte Februar im heurigen Winter in Österreich. Für mediales Aufsehen sorgte, dass am 4. und 5. Februar innerhalb von 24 Stunden gleich sechs Menschen den „Weißen Tod“ starben. Medizinisch gilt es noch Lücken zu schließen, um besser zu verstehen, was physiologisch bei einer Verschüttung passiert.
Quelle: Medical Tribune 8/2010 (Hannes Schlosser)

lawinenopfer1_175

„Wenig Schnee, tiefe Temperaturen, schönes Wetter und ungünstige Windverhältnisse“, zählt Mag. Michael Larcher als Faktoren auf, die für einen ungewöhnlich langen Zeitraum von mehreren Wochen eine prekäre Lawinensituation entstehen haben lassen. Mag. Larcher ist beim Oesterreichischen Alpenverein Leiter der Alpinausbildung und gerichtlicher Lawinensachverständiger. Wie schon in den letzten Jahren sind auch heuer wieder die Lawinenopfer etwa zur Hälfte Schitourengeher und zur anderen Variantenschifahrer – Letztere sind jene, die mit Seilbahnen und Liften aufund im freien Gelände, abseits der „gesicherten Pisten“ abfahren.

Tourengehen boomt, derzeit sind es rund 700.000 Österreicher, die regelmäßig diesen Sport ausüben. Mehr als doppelt so viele als noch vor zehn Jahren. Insofern ist es als Erfolg zu sehen, dass die Zahl der Lawinenopfer unter den Tourengehern stabil ist, betont Mag. Larcher.

Aufklärungskampagnen hätten gefruchtet, das Gefahrenbewusstsein ist gestiegen und immerhin sind geschätzte zwei Drittel mit der Standardausrüstung Lawinenpieps, -schaufel und -sonde unterwegs, weiß Mag. Larcher. Immer häufiger werde auch der Lawinenairbag verwendet, der zumindest bei Lockerschneelawinen im Hochwinter mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass ein von einer Lawine erfasster Mensch an der Oberfläche der Schneemassen bleibt. Sorgen bereiten Mag. Larcher die Variantenschifahrer, die häufig weder über geeignete Ausrüstung noch über ausreichendes Gefahrenbewusstsein verfügen würden.

Schützende Unterkühlung

„Die Verschüttung ist wie ein Krankheitsprozess, von dem wir bisher aber viel zu wenig verstehen“. sagt Dr. Peter Paal, Anästhesist und Intensivmediziner an der Uniklinik Innsbruck, Bergrettungs- und Flugarzt. Er ist Teil einer losen Arbeitsgruppe, die in den letzten Jahren wesentliche Forschungsergebnisse zu medizinischen Lawinenfragen veröffentlicht hat und der u.a. auch Dr. Hermann Brugger und Dr. Markus Falk angehören (siehe Kasten).

Aktuell beschäftigt die Gruppe das Thema „schützende Unterkühlung“. Mit jedem Grad, das ein Mensch abkühlt, braucht er zehn Prozent weniger Sauerstoff, erklärt Dr. Paal. Über die Kriterien der Abkühlung wisse man aber bisher sehr wenig. Ein Faktor sei die Schneeart (schnellere Abkühlung bei nassem Schnee), aber auch die Bekleidung und vermutlich genetische Faktoren spielen eine Rolle. Möglicherweise kommt es bei einer kleinen Atemhöhle zu einem CO2-Anstieg, der eine Gefäßerweiterung und Beschleunigung der Abkühlung zur Folge hat.

Die Krux an der Geschichte: Unter 30 Grad Körpertemperatur kommt es zu Herzrhythmusstörungen und in weiterer Folge zum Herzstillstand.

Allerdings kann so ein Patient auch gerettet werden, wenn er an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und langsam aufgewärmt wird: „Das Herz springt dann wieder an.“ Dokumentiert ist der Fall einer Schweizerin, die nur noch 13,7 Grad hatte und ohne Folgeschäden überlebte.

Dr. Paal vertritt die These, dass einzelne Lawinenopfer für tot erklärt werden, obwohl sie auf die skizzierte Weise zu retten wären. Am Lawinenkegel sei es nicht immer einfach, zwischen einem erstickten Patienten und einem unterkühlten mit Atemstillstand zu unterscheiden. So würden etwa zuverlässige Temperaturmessgeräte fehlen.

Ein wichtiges Kriterium bei der Bergung sei es daher, darauf zu achten, ob der Verschüttete eine Atemhöhle hatte oder nicht: „Wenn er keine Atemhöhle hat und warm ist, dann kann man mit Sicherheit sagen, er ist erstickt und hat keine Chance“, betont Dr. Paal.

Der umstrittene und nach Protesten abgebrochene Versuch mit betäubten Schweinen unter Schneemassen hätte hier einige Aufschlüsse bringen sollen. Die Daten von neun Versuchstieren würden derzeit ausgewertet, und es gebe „starke Hinweise, dass einige Lawinenopfer mehr in die Klinik geflogen werden sollten als bisher“.

Als Organspender prädestiniert

Als Flugrettungsarzt ist Dr. Paal unter optimalen Voraussetzungen zehn bis 15 Minuten nach Eingang des Notrufs am Lawinenkegel, der Verschüttete liegt dann seit mindestens 15 bis 20 Minuten unter der Lawine. Das Zeitfenster, in dem eine hohe Rettungschance besteht, schließt sich also bereits.

Nachdem Lawinenopfer meist junge, gesunde, sportliche Menschen waren, sind sie als Organspender „prädestiniert“. Während das Gehirn nach fünf Minuten Sauerstoffmangel irreparable Schäden habe, würden Organe wie Leber, Niere und Bauchspeicheldrüse wesentlich weniger empfindlich reagieren.

Während Studien aus dem Alpenraum die Zahl der Lawinenopfer, die an Verletzungen gestorben sind, mit unter zehn Prozent angeben, nennt eine jüngst veröffentlichte kanadische Studie dafür 20 bis 25 Prozent. Die Differenz ist einfach erklärbar: In den Alpen spielt sich das typische Szenario eines Lawinenunfalls im baumfreien Gelände ab. In Kanada sind Sportler häufig in Waldregionen unterwegs, weshalb es relativ leicht passieren kann, dass ein von einer Lawine mitgerissener Mensch gegen einen Baum prallt.

Hannes Schlosser

Überleben in der Lawine

Vor knapp 20 Jahren haben der Südtiroler Bergrettungsarzt Dr. Hermann Brugger (inzwischen Präsident der Internationalen Kommission für Alpine Notfallmedizin ICAR MEDCOM) und der Biostatistiker Dr. Markus Falk die Auswertung von 700 in der Schweiz dokumentierten Lawinenunfällen veröffentlicht. Die Ergebnisse wurden inzwischen mehrfach verfeinert, an den Kernaussagen hat sich nichts geändert.

Einige Kernaussagen:

  • Bis 18 Minuten nach dem Lawinenabgang überleben 91 Prozent aller total Verschütteten.
  • Zwischen 18 und 35 Minuten unter der Lawine fällt die Zahl der Überlebenden drastisch auf 34 Prozent ab. Fast immer ist die Todesursache Ersticken.
  • In der Zeit zwischen 35 und 90 Minuten sterben nur wenige. Diese Verschütteten verfügen über freie Atemwege und eine „geschlossene Atemhöhle“.
  • Danach steigt die Todesrate wieder an, verantwortlich ist eine Kombination aus langsamer Asphyxie und Hypothermie.
  • Nur sieben Prozent überleben eine Verschüttung jenseits von 130 Minuten.

Höchstes Risiko bei Stufe 3

26 Menschen sind in den letzten zwei Jahrzehnten durchschnittlich durch Lawinen in Österreich jährlich zu Tode gekommen. Die jährlichen Schwankungen sind groß. Im Katastrophenwinter 1998/99 waren es 50, fünf Jahre später nur acht. Während 1999 alleine 38 Tote im Tiroler Paznauntal im Siedlungsraum zu beklagen waren, sind die 48 Opfer des Winters 2004/05 ausschließlich im freien Gelände beim Wintersport verschüttet worden. Insgesamt ist in den Alpen die Zahl der tödlichen Lawinenunfälle in Gebäuden und auf Verkehrswegen stark rückläufig. In Europa und Nordamerika sterben durchschnittlich 140 Menschen jährlich unter Lawinen, 100 davon in Europa, über 90 Prozent in den Alpen. Nach einer Auswertung von Lawinenunfällen aus den 1990er-Jahren geschehen über 60 Prozent bei Stufe 3 („erheblich“) der fünfteiligen Skala, 21 Prozent sind es bei Stufe 4 (große Lawinengefahr).