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Weniger Hypoxämien, aber höhere Mortalität ...Ein Patient, der über Brustschmerz, thorakale Enge und Dyspnoe klagt, erhält im Notdienst fast reflexartig Sauerstoff. Doch der schadet womöglich mehr, als dass er nutzt. Dem ischämischen Myokard vermehrt Sauerstoff anbieten, um damit das Infarktareal möglichst zu verkleinern – dies ist die Rationale, die hinter der Sauerstoffapplikation an Patienten mit akutem Koronarsyndrom steht.Sie gründet sich vor allem auf Daten aus Tiermodellen mit einer ausgeprägten Kollateralbildung. Diese ist aber beim Menschen so nicht vorhanden, erklärte Dr. Hans-Christian Mochmann vom Campus Benjamin Franklin der Charité Universitätsmedizin auf dem DINK* 2010.In die Diskussion geriet die Sauerstoffgabe bei Myokardinfarkt spätestens 1976. In einer randomisierten Studie wurden die Auswirkungen der Sauerstoffapplikation an Patienten mit unkompliziertem Infarkt, die keine Katecholamintherapie brauchten, untersucht. Bei den primären Endpunkten – Häufigkeit von Arrhythmien und Morphinverbrauch – zeigten sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen.Auffällig war jedoch die Mortalität: In der Gruppe der Patienten, die Raumluft atmeten, traten drei, in der Sauerstoffgruppe neun Todesfälle auf. Die Studie war zwar nicht dafür ausgelegt, einen Mortalitätsunterschied zu zeigen, betonte Dr. Mochmann. Sie belegte jedoch klar, dass die Sauerstoffgabe keine Vorteile brachte.In einer zweiten Arbeit von 1997 prüfte man Häufigkeit und Ausmaß der Hypoxämie in den ersten 24 Stunden nach einem thrombolytisch behandelten Myokardinfarkt mittels Pulsoxymetrie. In diesem Zeitraum erhielten die Kranken entweder 4 l Sauerstoff pro Minute oder Raumluft. Zwar ließen sich in der mit Sauerstoff behandelten Gruppe deutlich seltener Hypoxämien nachweisen, in Bezug auf Arrhythmien oder Veränderungen der ST-Strecke wurden aber wiederum keine Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen gesehen.Nach Auffassung von Dr. Mochmann deuten die vorhandenen Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass man mit der Sauerstoffgabe an jeden Herzinfarktpatienten eventuell etwas Schlechtes tut. In den aktuellen europäischen Leitlinien sei die Therapieempfehlung denn auch eher vorsichtig formuliert: Klagt der Patient über Luftnot oder hat er Zeichen der Herzinsuffizienz, soll man Sauerstoff geben. Der unkomplizierte Infarkt muss dagegen nicht unbedingt mit Sauerstoff behandelt werden.* Deutscher Interdisziplinärer Notfallmedizin KongressQuelle: © MMA, Medical Tribune • 42. Jahrgang • Nr. 18/2010