Vor Kurzem ist eine für die Praxis relevante oberstgerichtliche Entscheidung zum Thema unzutreffende telefonische ärztliche Auskunft ergangen. Im zu behandelnden Fall schlug sich der Kläger bei einem Sturz aus einem Stockbett einen Zahn vollständig aus, ein weiterer Zahn brach ab. Um die Notwendigkeit etwaiger Behandlungsmaßnahmen abzuklären wurde versucht, telefonisch einen Arzt im nächsten Krankenhaus zu kontaktieren. Die dort diensthabende Turnusärztin gab die (unrichtige) Auskunft, dass eine akute Behandlung nicht durchgeführt werden muss. (Quelle: MMA, Medical Tribune • 43. Jahrgang • Nr. 17/2011)

Auf Grund dieser Fehlinformation wurde vom Patienten kein Versuch unternommen, den ausgeschlagenen Zahn wieder einzusetzen. Der Kläger machte in weiterer Folge Schadenersatzansprüche wegen eines Behandlungsfehlers geltend. Das Beweisverfahren ergab, dass die Turnusärztin richtigerweise hätte raten müssen, den ausgeschlagenen Zahn sicherzustellen und den Kläger im Krankenhaus einer Replantation des Zahnes zuzuführen.

Aber auch eine völlig korrekte Behandlung hätte zu dem gleichen Ergebnis wie die „Nichtbehandlung“ führen können; dies weil der Erfolg derartiger Replantationen von ihrem Zeitpunkt, aber auch vom Zustand des ausgeschlagenen Zahns und vom Gewebe, in das eingesetzt werden soll, abhängt. Es war also nach Ansicht des Gerichts nicht sicher, dass eine Behandlung zu einem „besseren“ Ergebnis als die „Nichtbehandlung“ geführt hätte.

Die rechtliche Beurteilung des geschilderten Sachverhalts durch den Obersten Gerichtshof ist aus mehreren Gesichtspunkten interessant: Stellt eine unrichtige telefonische Auskunft einen Behandlungsfehler dar? Nur unter der Voraussetzung, dass überhaupt ein Behandlungsfehler vorliegt, bestünden durchsetzbare Arzthaftungsansprüche. Hat der Arzt durch die unrichtige telefonische Auskunft einen Schaden (schuldhaft) verursacht?

Der Schaden wäre nur dann verursacht, wenn eine Replantation des ausgeschlagenen Zahns, die bei richtigem ärztlichen Ratschlag versucht worden wäre, möglich und erfolgreich gewesen wäre. Kann der Patient die Kausalität zwischen der schädigenden Unterlassung und dem eingetretenen Schaden beweisen? Der Arzt haftet lediglich für Schäden, die sein Behandlungsfehler verursacht hat. D.h., das Verhalten des Arztes muss für den Schadenseintritt kausal sein.

In einem Gerichtsverfahren muss der Patient die Kausalität beweisen, wobei gerade im Unterlassungsfall ein exakter Kausalitätsbeweis nur schwer erbracht werden kann.

Behandlungsfehler am Telefon

Zur telefonischen Beratung als Behandlungsfehler: Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn ein Arzt schuldhaft Pflichten, die sich aus dem Behandlungsvertrag1 ergeben, verletzt. Neben dem klassischen Fehleingriff während einer Behandlung zählt hierzu auch beispielsweise die fehlerhafte Diagnose oder die fehlerhafte Anwendung von Medizinprodukten. Der OGH stellt in der Entscheidung fest, dass die Erteilung einer unrichtigen ärztlichen Auskunft über die Notwendigkeit einer ärztlichen Behandlung als potenziell schädigendes Verhalten einem Behandlungsfehler durchaus gleichzuhalten ist.2 Zur Verursachung des Schadens/ Kausalität: Im gegenständlichen Fall liegt eine Unterlassung vor, nicht über die Notwendigkeit einer sofortigen Behandlung aufgeklärt zu haben.

Bei einer Unterlassung ist ein Schaden dann verursacht, wenn die Überlegung anhand der Bedingungstheorie zu dem Ergebnis führt, dass der Schaden wegfällt, wenn man sich das geforderte Verhalten hinzudenkt. Im konkreten Fall stellt man die Frage: „Wäre es auch zu einem dauerhaften Zahnverlust gekommen, wenn die Ärztin eine sofortige Behandlung empfohlen hätte?“

Zum Beweis der Kausalität

Die Anforderungen an den Patienten, die Kausalität zwischen der schädigenden Unterlassung und dem eingetretenen Schaden zu beweisen, sind herabgesetzt, weil ein exakter Kausalitätsbeweis bei Behandlungsfehlern nur schwer erbracht werden kann. Es ist ausreichend, einen sog. „Anscheinsbeweis“ zu erbringen. Dabei werden typische Geschehensabläufe zur Beurteilung herangezogen, sodass es genügt zu beweisen, dass die Wahrscheinlichkeit des Schadenseintritts durch den Behandlungsfehler des Arztes nicht nur unwesentlich erhöht wurde. 3 Der Arzt haftet also schon bei hochwahrscheinlicher und nicht erst bei sicherer Ursächlichkeit des ärztlichen Fehlverhaltens für den Gesundheitsschaden des Patienten.

Dies bedeutet für den Arzt in weiterer Folge, dass ihm der volle Beweis obliegt, dass der Behandlungsfehler für die nachteiligen Folgen mit größter Wahrscheinlichkeit unwesentlich geblieben ist. Dem Arzt muss somit der Nachweis gelingen, dass bei ordnungsgemäßem Verhalten die gleichen Folgen eingetreten wären, wie sie durch den Behandlungsfehler eingetreten sind. Im gegenständlichen Fall müsste die Ärztin demnach beweisen, dass auch bei richtiger Auskunft darüber, ob eine Behandlung notwendig ist, der Gesundheitsschaden eingetreten wäre.

Wie ein solcher Beweis gelingen kann, hängt vom Einzelfall ab, doch bieten sich z.B. der Nachweis über die Haftung eines anderen an oder der Nachweis, dass eine weitere Ursache für den entstandenen Schaden hinzugetreten ist, die nach den allgemeinen Kenntnissen und Erfahrungen nicht zu erwarten ist („atypischer Geschehensablauf “).

Mag. Tina Philipp Rechtsanwältin Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
Tel.:01/512 98 88

1 Behandlungsvertrag: zivilrechtlicher Vertrag, aus ihm ergeben sich wechselseitige Rechte und Pflichten (darunter: Schutz- und Sorgfaltspflichten), Grundlage für die Haftung (daher Schadenersatz vertraglich – Haftung des Gehilfen gegenüber dem Geschädigten nur deliktisch)

2 Vgl. Nigl, Arzthaftung 6

3 Vgl. A. Tanczos/D. Tanczos, Arzthaftung – Arzt im Recht