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Combi-Tubus

Im November 1981 saß Univ.- Prof. Dr. Michael Frass mit seinem Kollegen Dr. Jonas Zahler zusammen und diskutierte technische Methoden, die Internisten beherrschen sollten. Im Gespräch waren unter anderem Endoskopie, Ultraschall sowie Intubation. „Mein Kollege hatte zuletzt vor zwei Jahren auf der Herzüberwachungsstation intubiert. Ich war damals neu und hatte noch nie einen Tubus aus der Nähe gesehen“, schmunzelt der Mediziner.

Im Laufe ihres Gesprächs entdeckten die beiden einen Artikel in der Medical Tribune, in dem der damals in den USA übliche Speiseröhrenverschlusstubus (E.O.A. – Esophageal Obturator Airway) beschrieben wurde. „Im Artikel meinten Notfallmediziner aus Deutschland, dass man bei uns so ein Gerät nicht brauche, denn jeder Anästhesist könne innerhalb von drei Minuten intubieren“, erinnert sich Prof. Frass. Die einzige positive Stellungnahme erfolgte von Prim. Hofrat Dr. Günther Hoflehner aus Steyr, der den Tubus für eine gute Idee hielt.

Die deutschen Kollegen kritisierten, dass, wenn das Gerät versehentlich in die Luftröhre geschoben würde, die Atemwege des Patienten komplett blockiert wären. „Wir waren der Meinung, dass wenn das Gerät versehentlich in die Luftröhre kommen sollte, ein zweilumiger Tubus eine Alternative wäre“, führt Prof. Frass aus. Damit war die Idee zum Combitube geboren.

Die beiden arbeiteten die Idee aus und ließen sich ihre Erfindung patentieren. Der Prototyp wurde gemeinsam mit Reinhard Frenzer gebaut, und die ersten Versuche wurden auf der Experimentellen Chirurgie bei Univ.- Prof. Dr. Udo Losert gestartet. „Das Gerät hatte anfangs eine Maske. Diese funktionierte aber bei den Tierversuchen nicht, da die Hunde zu viele Haare haben und das Gerät nicht dicht zu bekommen war“, erinnert sich Prof. Frass.

Schließlich entwickelten sie die Idee, einen Ballon im Rachenbereich einzubauen, der Mund und Nasenhöhle abdichtet. Die ersten Versuche mit dem Ballon waren vielversprechend, und die Tiere überstanden die Narkose problemlos. Nun machten sich die Erfinder auf den Weg zu Prim. Hoflehner nach Steyr. Dort wurde der Tubus erstmals bei einem Menschen, bei einer Apendektomie, eingesetzt und funktionierte perfekt.

Nach einigem Suchen fanden Prof. Frass und sein Team eine US-amerikanische Firma, die das Gerät herstellte. 1988 war es so weit: Der erste Combitube wurde in den USA eingesetzt. Derzeit wird der Combitube von der Firma Covidien hergestellt. „Das Gerät war über 20 Jahre in Amerika und Kanada die Nummer eins im Prähospitalbereich“, freut sich Prof. Frass. Dieser Erfolg liegt daran, dass dort, anders als bei uns, keine Notärzte, sondern Notfallsanitäter zu den Patienten fahren.

Die Sanitäter dürfen intubieren, benötigen aber ein sicheres und einfach zu bedienendes Gerät. Der Combitube brachte alle diese Voraussetzungen mit. Die Erfolgsgeschichte des Combitube gipfelte darin, dass er sogar in die Richtlinien der American Heart Association und die Richtlinien der American Society of Anesthesiologists aufgenommen wurde. „Ich hätte nie gedacht, dass wir es aus Österreich heraus schaffen, ein international anerkanntes Gerät zu entwickeln“, resümiert Prof. Frass. Das Schönste für ihn ist, etwas erfunden zu haben, mit dem tatsächlich Menschen das Leben gerettet wurde.

Quelle: Medical Tribune 50/2011