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„Das derzeitige Strafrecht ist leider ein Hemmschuh für die offene Fehlerkultur, die wir so dringend brauchen", bedauert Patientenanwalt Gerald Bachinger.
Fehler kommen in jeder Branche vor. In der Medizin haben sie allerdings öfter als anderswo fatale Konsequenzen: die letale Überdosierung eines Medikaments, das durch Geburtsschaden behinderte Kind, die Amputation des falschen Beines und vieles mehr. Letzteres passierte erst 2010 in Tirol wieder. Wie so häufig kamen Fehlleistungen mehrerer Personen zusammen: Der eine Arzt trug im Operationsplan die falsche Seite ein, der gestresste Chirurg wiederum warf keinen Blick in die Krankenakte.

 

 

Der Wiener Gynäkologe Univ.-Prof. Dr. Heinrich Salzer durchlebte als Jungarzt selbst einige Schrecksekunden, als man ihm sagte, er habe das falsche Bein amputiert. Das entpuppte sich zwar schnell als unrichtig, „die kurze Zeit, bisdies klar war, litt ich aber Höllenqualen." Der Schock hatte durchaus positive Langzeitfolgen: Der heutige Vorstand der gynäkologisch-geburtshilflichen Abteilung des Wiener Wilhelminenspitals wurde gemeinsam mit Univ.-Prof. Dr. Norbert Pateisky, dem früheren Leiter der Abteilung für klinisches Risikomanagement des AKH in Wien zu einem Pionier in Sachen Patientensicherheit in Österreich. 2003 initiierte Salzer das 300.000 Euro teure „Human Factors Project" an seiner Abteilung. Das ehrgeizige Ziel: aus dem Risikofaktor Mensch einen Sicherheitsfaktor zu machen. Team-Trainings, Schulungen, Checklisten für heikle Abläufe sowie eine Fehleranalyse waren die Grundsäulen der Initiative. Salzers zentrale Einsicht dabei: „Die Hierarchie spielt eine große Rolle. Wer sich vor dem Vorgesetzten fürchtet, wird einen Fehler nie zugeben. Dabei ist jeder, der etwas falsch gemacht hat, unglaublich belastet, wenn er nicht darüber reden kann. Der nächste Fehler ist dann unter Umständen schon vorprogrammiert."
Erste Maßnahmen Die Hierarchie wurde daraufhin abgeflacht und die Verantwortung des Einzelnen gestärkt: Merken Kollegen, dass ein Patient das Aufklärungsgespräch nicht verstanden hat, müssen sie den Arzt nun darauf aufmerksam machen. Bedenkt man, dass so mancher Jungarzt anderswo immer noch schweigt, wenn er den Irrtum eines älteren Kollegen merkt, um seine Karriere nicht zu gefährden, ist das ein riesiger Schritt. Für solche Änderungen braucht es freilich Unterstützung von außen. Und so holte Salzer eine Psychotherapeutin, einen Piloten und einen Fluglotsen als Coaches an Bord.
Der Rückgriff auf Luftfahrt-Profis war kein Zufall: Wie in der Medizin können auch hier höchst menschliche Ausrutscher katastrophale Folgen haben. Beim Flugverkehr hat man sich diesem Problem allerdings schon viel früher gestellt. Auch Risikomanager und Gynäkologe Pateisky setzt auf die Zusammenarbeit mit Piloten. Gemeinsam mit dem Flugkapitän Hans Härting gründete er das Unternehmen Assekurisk, das medizinische Einrichtungen in Sachen Patientensicherheit berät und schult.

Mit Checklisten wäre die Entfernung des falschen Beines in Tirol höchstwahrscheinlich zu verhindern gewesen. Heinrich Salzer war einer der Ersten, der damit arbeitete, seit zwei Jahren sind diese nun auch in allen KAVSpitälern Usus. „Bevor die Checkliste nicht abgearbeitet ist, bekomme ich gar keine Freigabe für die Operation", erzählt Dr. Stephan Kriwanek, Vorstand der Chirurgischen Abteilung des Donauspitals. Zusätzlich werden, um Verwechslungen auszuschließen, die Patienten immer wieder nach dem Namen und der Behandlung gefragt, oft auch zu deren Unmut. Manche würden sogar ein wachsendes Misstrauen entwickeln, so Kriwanek. „Man muss den Menschen schon erklären, dass dies zu ihrer Sicherheit passiert."
Besonders tragisch ist es, wenn ein und derselbe Fauxpas mehrmals passiert. Hier sollen anonyme Fehlermeldesysteme weiterhelfen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass Ärzte und Pfleger sich nicht vor Konsequenzen fürchten müssen. CIRPS, das Fehlermeldesystem der AUVA-Spitäler seit 2006, hat diesbezüglich das volle Vertrauen. „Sieben von zehn Mitarbeitern, die dort etwas eingeben, legen gar keinen Wert mehr auf ihre Anonymität. Das ermöglicht, gezielt nachzufragen", weiß Patientenanwalt Dr. Gerald Bachinger zu berichten. Der Lohn für die Offenheit der AUVAB esatzungen: Das Management setzt die Empfehlungen der Qualitätssicherung zügig um.

Bei den niedergelassenen Medizinern sind es die Hausärzte, die sich schon länger der Fehler-Thematik stellen. So können Allgemeinmediziner Meldungen in das Portal www.jeder-fehler-zaehlt.de des deutschen Instituts für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt eingeben und dort auch „schmökern", was die Kollegen falsch machen.
Fazit: Einiges tut sich, viel bleibt noch zu tun. „Das derzeitige Strafrecht ist leider ein Hemmschuh für die offene Fehlerkultur, die wir so dringend brauchen", bedauert Patientenanwalt Bachinger und fordert „dass bei leichter Fahrlässigkeit die strafrechtliche Verantwortung selbst bei schwerer Körperverletzung und Todesfolge wegfällt." Es gehe den wenigsten Opfern ärztlicher Behandlungsfehler um Rache. „Nur das Gefühl, dass etwas unter den Teppich gekehrt wird und sie für blöd verkauft werden, wollen die Patienten nicht." Bachinger verweist auf das Bändchen„Wenn etwas schiefgeht", eine aktuelle Broschüre der Plattform Patientensicherheit für Ärzte. Darin wird zu einer offenen Kommunikation geraten. „Ärzte dürfen und sollen im Schadensfall ihr Bedauern ausdrücken", so Bachinger. Ein solches Verhalten verhindere nicht selten eine Klage. Derzeit werde aber meist alles abgestritten – aus Angst, die Haftpflichtversicherung zahle sonst nicht. „Dabei gilt dies nur, wenn der Arzt auch ein rechtliches Schuldanerkenntnis vornimmt."

Quelle: Ärztekurier