Im Gespräch. Patientensicherheitspionier Norbert Pateisky.

ÄrzteKURIER: Medizinskandale wie zuletzt in der Kinderklinik Innsbruck rufen die Frage auf den Plan: Was wird getan, um Ähnliches künftig zu verhindern?

Univ.-Prof. Dr. Norbert Pateisky: Skandale gibt es laufend und überall. Wir haben ein Systemproblem, das trifft immer alle. Für eine nachhaltige Änderung müsste etwas von ganz oben passieren. Dies wird aber nicht der Fall sein, solange die Gesellschaft es nicht einfordert. Ich frage mich dennoch: Wie kann es sein, dass in Österreich in der Luftfahrt alle Sicherheitsmaßnahmen peinlichst genau umzusetzen sind und zugleich im Gesundheitsbereich nahezu fahrlässig mit dem Thema Patientensicherheit umgegangen wird?

Was müsste passieren?

Zuallererst müssen die Grundprinzipien der Patientensicherheit an den Unis gelehrt werden und alle Mitarbeiter im Spital und in den Praxen in ihrem Bereich eine Ausbildung in Patientensicherheit erhalten. Ein Grundproblem dabei: Viele Menschen im System haben jahrzehntelang unter anderen Voraussetzungen gearbeitet.

... die da wären?

Das vorherrschende Denken war bisher: Fehler passieren nicht und wenn doch, spricht man nicht darüber, sonst droht ein Karriere-Nachteil. Dazu kommt ein für die Sicherheit vollkommen falsches Hierarchieverständnis. Wer lange unter diesen Bedingungen gearbeitet hat, kann sich oft gar nicht mehr ändern. Wir werden also teilweise auf die nächste Garde warten müssen, die dann aber entsprechend ausgebildet sein sollte. Ich betone: Schuld an der jetzigen Situation sind nicht die Einzelpersonen, sondern das System.

Wie hoch ist die Fehlerquote?

Es gibt da endlos viele internationale Studien. Stimmen die dort publizierten Zahlen, woran leider nicht zu zweifeln ist, erleiden auch bei uns drei von tausend Spitalspatienten schwere bis schwerste Behandlungsschäden.

Wie sieht es im ambulanten Bereich aus?

Offizielle Zahlen fehlen. Die Auswirkungen sind möglicherweise geringer, Kommunikationsprobleme mit Patienten dafür wahrscheinlich größer als im Spital. Niedergelassene Ärzte haben es mit vielen alten Menschen mit Sehschwäche und Verständnisproblemen zu tun. Klar kann die Eigenmedikation zu Hause da nicht sehr gut klappen. Etwa zehn Prozent aller Patienten kommen in die Notaufnahme oder Ambulanz, weil die Medikamente nicht vorschriftsgemäß eingenommen wurden. Oder von verschiedenen Ärzten in Unkenntnis verschriebene Medikamente vertragen sich nicht.

Was sind die häufigsten Fehlleistungen?

Vergessen, verwechseln und übersehen. Alles zutiefst menschlich. Dass jemand vergisst, etwas zu tun, passiert am häufigsten. Auf tausend Einzelaktionen kommen ohne entsprechende Sicherheitsvorkehrungen im Schnitt eine falsch durchgeführte Aktivität, aber etwa zehn bis 15 Vergessensfehler. Ein weiteres riesiges Problem sind Missverständnisse und unklare Kommunikation. Solange der Einzelne nicht die Sicherheitsnetze bekommt, die er braucht, kann man ihm seine Fehler aber nicht anlasten. Er steckt in einem System, wo er keine größere Chance hat als ein Tormann beim Elfmeter. Oft sind es die besten und erfahrendsten Ärzte, denen die gravierendsten Fehler passieren. Erstens, weil sie mit den schwersten Fällen betraut werden. Zweitens entwickelt man ein übersteigertes Selbstvertrauen, wenn länger nichts passiert. Piloten müssen deshalb regelmäßig entsprechende Trainings absolvieren. Auf erfahrene Ärzte passt dagegen keiner mehr auf Der Jungarzt, der einen Fehler beobachtet, sagt nichts, weil es seiner Karriere schaden könnte. Genau da beißt sich die Katze aber in den Schwanz.

Könnten Sie einen Punkt wählen, der sich leicht und mitgroßem Effekt ändern ließe, was wäre das?

Anweisungen und heikle Informationen sollten vom Empfänger immer wiederholt und die Richtigkeit der Wiederholung rückbestätigt werden. Das brächte gerade im Medikamentenbereich sehr viel. Telefonnummern wiederholt jeder, sind zytostatische Chemotherapeutika weniger wichtig? Flugkapitäne müssen die Anweisungen der Fluglotsen zur Startfreigabe Wort für Wort wiederholen, bevor sie starten. Im Gesundheitsbereich sind dagegen Reaktionen wie „Ich bin doch kein Papagei" möglich. Weil viel zu wenig bewusst ist, wie schnell Kommunikation schiefgeht, wie leicht man speziell unter Druck, bei Umgebungslärm und Müdigkeit etwas vergisst. Wem das klar ist, der wird bald überzeugt sein: Es ist nicht nur klug, sondern unabdingbar, immer mit Checklisten zu arbeiten. An etwas, das man notiert hat, muss man schließlich nicht mehr denken. Durch gezielte, geschulte und trainierte Checklistenarbeit sinken schwere Komplikationen im Konnex mit Operationen nachweislich um 30 Prozent.

Wie verbreitet sind Checklisten, gerade in der Chirurgie?

Manche Stationen haben immer schon Kontrolllisten geführt, aber nicht so, wie man sich das für eine Hochsicherheitsbranche vorstellt. Andere haben bisher gar nicht damit gearbeitet. Nur wenige gehen so damit um, wie es Experten empfehlen. Das Missverständnis: Es geht nicht nur um die Checkliste, sondern primär um die Frage, wie Teams damit umgehen. Die Checklisten müssen mit allen am jeweiligen Arbeitsschritt beteiligten Mitarbeitern abgestimmt werden, jedem muss klar sein, warum er was tut. Pures Gift sind dabei zynische Bemerkungen älterer Kollegen wie „Wozu brauche ich das?" und „Bisher sind wir doch auch ohne ausgekommen".

Seit zwei Jahren gibt es das anonyme Fehlermeldesystem CIRS Medical Österreichweit. Wie wird es angenommen?

Prinzipiell wäre das schon ein gutes Instrument. Nur sollte man auf unsere Kultur Rücksicht nehmen und zuerst Strategien und Instrumente implementieren, um Schäden zu verhindern. Solange das Reden über Fehler die Schuldfrage inkludiert, wird es wenige Meldungen geben.
Quelle: Ärztekurier