Altes Amphetamin erlebt zweifelhafte Renaissance!

ZOFINGEN – Auf dem Acker liegend wird ein 31-Jähriger gefunden und in die Klinik gebracht. Der Kreislauf ist stabil, aber der junge Mann nicht ansprechbar. Der Grund für den Zustand findet sich in seinen Socken: eine neue Partydroge.

Bei der Aufnahme lag die Glasgow Coma Scale des Patienten bei 8 (von 15 Punkten), er zeigte nur träge Reaktion auf Licht und wies keinen Foetor alcoholicus auf. Im Labor fanden sich lediglich eine erhöhte CPK (832 U/l) sowie diskrete Anstiege von CK-MB und ASAT. Kurz vor dem geplanten Schädel-CT wachte der Mann auf und war zu Zeit und Ort wieder voll orientiert. Über das auslösende Ereignis konnte (oder wollte) er aber keine Angaben machen. Zur Überwachung und Flüssigkeitssubstitutionwurde er stationär aufgenommen. Beim Entkleiden fiel aus seinen Socken ein kleiner Sack mit weißem Pulver. Stolz berichtete der Patient, dass das etwas ganz Neues sei, das im Labor nicht nachgewiesen werden könne, er kenne sich schließlich mit Drogen aus. Das Pulver habe er in Deutschland bestellt. Tatsächlich gab er auf weitere Nachfragen zu, regelmäßig Benzodiazepine wie Midazolam zu konsumieren.

Bei der gefundenen Substanz handelte es sich um Methylendioxy-pyrovaleron (MDPV), schreiben Dr. DANIEL SCHRÖPFER von der Medizinischen Klinik am Spital Zofingen und Kollege im „Schweizerischen Medizin-Forum". Dieses Alkaloid wurde ursprünglich als Generikum von Benzedrin, einem seit 1928 in den USA vertriebenen razemischen Gemisch von Amphetaminen, entwickelt. MDPV wirkt als Dopamin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-hemmer und damit euphorisierend, anxiolytisch und aufmerksamkeitssteigernd. Außerdem senkt es den Schlafbedarf und soll sexuell stimulieren. Nutzer vergleichen die Effekte mit denen von Kokain.

Seit 2005 hält die Substanz Einzug in die Partyszene. Die „normale" Dosis liegt bei 5 mg oral bzw. 3 mg inhalativ, darunter kommt es nicht zu Halluzinationen — aber rasch zu Gewöhnung und Dosis-steigerung. Ab zirka 30 mg (nasal) muss mit psychotischen und paranoiden Anfällen gerechnet werden, die dann mit optischen oder akustischen Halluzinationen einhergehen. Die MDPV-Effekte klingen meist innerhalb von vier bis fünf Stunden ab, können aber bei höheren Dosen oder chronischem Konsum bis zu zwei Tagen anhalten.

MDPV-Kater mit Schlaf kurieren

Bei Dauerusern ist eine leichte psychische und körperliche Abhängigkeit wahrscheinlich, die aphrodisierende Wirkung geht dann verloren, weil Blutleere in den männlichen Genitalien herrscht. Der körperliche Entzug, der nur etwa vier Stunden dauert, ist geprägt von innerer Unruhe, Zittern, Schlaflosigkeit und Hyperaktivität. Dieser sog. „MDPV-Kater" lässt sich am besten durch Schlaf und Erholung kompensieren.

Patienten mit Überdosierung sollten wegen möglicher Reflextachykardie, Hypertonie und Angstlichkeit bis hin zur Psychose überwacht werden. Grundsätzlich sind auch sympathikotone Nebenwirkungen (Herzinfarkt!) denkbar.

Der beschriebene Patient zeigte während der 14-stündigen Überwachung keine weiteren Symptome und konnte am nächsten Tag — nach Beratung mit einem Psychiater — das Krankenhaus wieder verlassen.

Daniel Schröpfer et al., Schweiz Med Forum 2012; 12: 79-80