Toronto - Ein neues Geschlechterproblem in der Kardiologie haben kanadische Forscher entdeckt. Frauen, die wegen gefährlicher Arrhythmien einen Defi brauchen, kommen bei der Therapie ein-deutig schlechter weg.

Die Frauendiskriminierung in der Kardiologie ist ein Dauerbrenner-Thema. Die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts reicht von der Infarktdiagnostik über die Anwendung interventioneller Ver-fahren bis hin zur Pharmakotherapie. Nun geriet die Behandlung mit dem implantierbaren Cardio-verter-Defibrillator (ICD) ins Visier kanadischer Kardio-Forscher. Ihre prospektive Studie an über 5000 Herzpatienten - 20 % von ihnen weiblichen Geschlechts - zeigte, dass Frauen zwar in gleichem Maß wie Männer mit dem lebensrettenden Gerät versorgt werden, wenn sie erst einmal in Spezialisten-Hände geraten. Doch es gibt bei ihnen eine wesentlich schlechtere Kosten-Nutzen-Relation.

Die Daten im Detail: Von den 5450 Patienten, die zur Primär- oder Sekundär-Prävention ICDs trugen, erhielten die weiblichen während des Studienzeitraums signifikant weniger Schocks oder antitachykardes Pacing (ATP). Klar im Nachteil waren die Frauen im Hinblick auf ernste Komplikationen sowohl nach 45 Tagen als auch nach einem Jahr. Lungenödeme und die Notwendigkeit eines Elektrodenwechsels verzeichnete man bei den Patientinnen deutlich häufiger als bei ihren männlichen Leidensgenossen, ebenso Elektrodendislokationen und Subclavia-Venenthrombosen.

Erkenntnisse zur ICD-Primärprävention entstammen Studien, in denen Frauen klar unterrepräsentiert sind, dies könnte ein Grund für die geringeren Benefit-Raten sein, schreiben Dr. DEREK R. MACFADDEN und Kollegen von der Universität Toronto in den „Annals of Internal Medicine". Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein könnten die Ventrikelfunktion betreffen. Frauen profitieren z.B. stärker von kardialer Resynchronisationstherapie (CRT) - ein CRT-Gerät trugen immerhin rund 30 % der kanadischen Teilnehmerinnen (vs. 23 % der Männer). Dieser Fakt hat evtl. zur reduzierten ICD-Schockrate beigetragen, so eine weitere Vermutung der Autoren.

Die Kommentatoren Dr. PAMELA S. DOUGLAS and Dr. LESLEY H. CURTIS vom Duke University Medical Center Durham fühlen sich von der höheren Komplikationsrate an frühe Zeiten der Koronar-Katheterdilatation (PCI) erinnert. Auch die PCI machte zunächst bei Patientinnen besondere Probleme, mit der technischen Weiterentwicklung egalisierte sich der Geschlechter-Unterschied. Möglicherweise ist es einfach die geringere Körpergröße, die nach anderen Technologien verlangt: Von speziell entwickelten Frauen-ICD¬Elektroden könnten dann auch kleinere Männer profitieren.

Derek R. MacFadden et al., Pamela S. Douglas, Lesley H. Curtis, Ann Intern Med 2012; online first